Elternblog

Für immer jung? Mein Vorschlag

Immer mehr Menschen weigern sich, erwachsen zu werden. Was tun? Unser Autor hat einen Vorschlag.
Text: Mikael Krogerus
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren
Man muss nicht vom Fach sein, um zu erkennen: Jugendliche werden zwar körperlich früher reif, aber geistig irgendwie später erwachsen. 11-Jährige sehen aus wie Frauen, aber 24-Jährige weigern sich, ihr Kinderzimmer zu räumen. In der Forschung bezeichnet man das Phänomen als «verlängerte Adoleszenz».

Adoleszenz wird häufig mit der Metamorphose einer Raupe verglichen: Das eben noch lebensfrohe Kind verpuppt sich über Jahre in seinem nun jugendlichen Körper, während im Inneren die Festplatte neu konfiguriert wird. Eines Morgens aber öffnet sich die Kinderzimmertür, ein junger Erwachsener breitet seine Flügel aus und entfliegt wie ein Schmetterling in die Welt. Schön.
Bei einer «verlängerten Adoleszenz» halten sich Jugendliche am Status «Kind» fest.
Das zentrale Merkmal einer «verlängerten Adoleszenz» ist ein Festhalten am Status Kind. Man muss sich das so vorstellen: Die Raupe ist längst ein Schmetterling, weigert sich aber, die viel zu enge Puppe zu verlassen, weil ... Ja, warum eigentlich?

Vielleicht ist es zu Hause zu bequem. Vielleicht ist es aber für Jugendliche derzeit auch einfach nicht besonders vielversprechend, erwachsen zu werden. Das Hinauszögern wäre demnach eine Rebellion gegen eine krisenhafte Welt, in die unsere Jugend nicht hineinwachsen möchte. Hierzu ein kleiner Gedanke:

Da Menschen im Schnitt heute 100 werden und 50 das neue 40 und 40 das neue 30 ist, da 55-Jährige sich wie Studenten kleiden und 75-Jährige eine Art zweite Pubertät durchlaufen – ist es dann nicht absolut okay, wenn Jugendliche es nicht so eilig haben, erwachsen zu werden? Mehr noch: Ist es nicht eines der Probleme unserer Welt, dass sie so verdammt viel Druck macht, erwachsen zu werden?
Vielleicht sollten wir ein wenig Tempo rausnehmen: Als Erstes könnten wir die Kindergartenzeit verlängern. Mit 8 oder 9 gehts in die Primarschule, die man mit 15 abschliesst, sodass auch noch der letzte Spätentwickler eine Chance hat. 

Die Jahre zwischen 15 und 20 verbringt man in Skilagern, Theaterschulen und mit beschäftigungstherapeutischen Massnahmen wie Kochkursen und Marie-Kondo-Aufräum-Seminaren, bis die Hirnstruktur der Jugendlichen die Aufnahme von Unterrichtsinhalten zulässt. Mit 24 folgt die Matur beziehungsweise der Abschluss der Lehre.
Während dieser Zeit leben die Kinder natürlich nicht bei den Eltern, Gott bewahre, sie werden in lagerähnlichen Internaten aufbewahrt, mit Unisex-Kleidern und ohne Internet, um der Ich-Versautheit mal eine Grenze zu setzen. Aber vor allem: um sie nicht unnötig mit dem Ballast der Erwachsenen zu belasten.

Mitte 30 sind die Kids mit dem Studium fertig und bereit für den Berufseintritt und fürs Leben. Sie sind im internationalen Vergleich etwas spät dran, haben vielleicht aber ohne die Zumutung der Erwachsenenwelt wirklich Lust und Liebe für diese Welt entwickelt.

Es ist zugegeben kein ausgegorenes Konzept. Aber die aktuellen scheinen auch nicht wirklich zu funktionieren.
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Zur Person:

Mikael Krogerus ist Autor und Redaktor des «Magazins». Er schreibt diese Kolumne im Wechsel mit Michèle Binswanger. Mikael Krogerus ist Vater einer Tochter und eines Sohnes. Er lebt mit seiner Familie in Basel.

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