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Elternblog

F*** im Club

Text: Michèle Binswanger
Illustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren
Spotify ist eine segensreiche Erfindung. Sich für Musik zu interessieren war nie so einfach wie heute. Als Teenager in den Achtzigerjahren war dies eine weitaus kompliziertere Angelegenheit, denn um überhaupt an neue Musik heranzukommen, brauchte man zunächst weniger musikalische als soziale Fähigkeiten. Man musste an die Menschen herankommen, die einem neue Musik zeigen konnten, und das waren allesamt Nerds. Oder Kerle, die ich nicht verstand, wie der Wizard vom einzig coolen Plattenladen in der Kleinstadt, in der ich aufwuchs. An Samstagnachmittagen lungerte ich vor dem Plattenladen herum und kaum je wagte ich es, den Wizard persönlich anzusprechen, der mich vielleicht in die Geheimnisse neuer Musik eingeweiht hätte.

Heute ist das anders. Dank Spotify brauche ich nicht mehr bis am Samstagnachmittag zu warten und ich brauche auch keine Nerds mehr. Alles, was ich wissen muss, sagt mir der Algorithmus, der immer neue Empfehlungen macht und auch immer wieder für Überraschungen sorgt.

So war das neulich, als plötzlich dieser Track durch meine Boxen bretterte. Er hatte ordentlich Druck und eine interessante Story: Ein paar Mädels erzählen, wie sie sich für den Ausgang aufbrezeln und dann grölend durch die Strassen ziehen. Ich hörte interessiert und angetan zu, bis der Refrain kam, mit süssen Stimmchen über wummerndem Bass: 

«Ich geh heut mit meinen Fotzen in’ Club
Wir kommen rein und jedes Opfer hier kuckt
Dieser Scheiss fickt deine Boxen kaputt
denn ich bin heut mit meinen Fotzen im Club»

Wenn meine Tochter mich provozieren wollte, misslang das leider

Hm. Als Erstes sah ich mich um, ob meine Kinder mithörten. Sie wissen nämlich, dass ich aggressiven und vulgären Deutschrap nicht ausstehen kann. Weil ich das Glück habe, mit einer Tochter gesegnet zu sein, die Musik ebenfalls liebt und deren Musikgeschmack sich mit meinem überschneidet, war dies noch nie ein Problem. Nun war mir klar, was hier aus den Boxen kam, war einigermassen prekär.

F***** – in keinem anderen Kontext würde ich den Ausdruck in meinem Haushalt dulden. Aber ich konnte mir nicht helfen, ich mochte den Song. Irgendwie war das Punk oder eine vulgärfeministische Variante davon. Und wenn es sexistisch war, warum gefiel es mir dann irgendwie? War das jetzt vielleicht Zeichen einer Midlife-Crisis? Dann hörte ich den Track noch einmal an – laut. 

Meine Tochter ist 16 Jahre alt, und das Letzte, was man sich in diesem Alter wünscht, ist eine vulgäre Mutter. Deshalb bemühe ich mich, mit allem diskret zu sein, was sie in Verlegenheit bringen könnte. Deshalb zeigte ich meiner Tochter den Track nicht. Bis wir eines Abends miteinander in Streit gerieten. Sie zog sich beleidigt ins Zimmer zurück – und wenig später bretterte «F***** im Club» aus ihrem Zimmer. Offensichtlich versuchte sie, mich zu provozieren. Aber ich fand es nur lustig.

Ich habe keine Ahnung, ob das richtig ist. Ob ich mir Sorgen machen soll, dass sie solche Musik hört, oder darüber, dass sie mich damit nicht einmal provozieren kann. Weil ich es selbst höre. Aber eines ist klar: Spotify ist wirklich eine segensreiche Erfindung. 

Michèle Binswanger

ist studierte Philosophin, Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel. 

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1 Kommentar

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Von Daniel am 11.12.2017 05:25

Hallo Michèle

Danke für Deine Offenheit und Ehrlichkeit. In Deinem Artikel wird die Ambivalenz klar, die Du als Frau und als Mutter erlebst. Einerseits möchtest du Deine Tochter vor der medialen Entwürdigung des weiblichen Geschlechts schützen, andererseits animieren Dich die Lyrics solcher Rap-Songs und stimulieren möglicherweise Deine Lust. Es scheint, dass du die "vulgärfeministischen" Texte gar als neue Ausdrucksform der Frauenbewegung entdeckt und darin ihre Existenzberechtigung gefunden hast.

Ich bin ein Mann und habe keine Ahnung, was das bringen soll. Ich empfinde solche Texte als ausserordentlich primitiv und vulgär und kann mir nicht vorstellen, dass dadurch das Frauenbild für die Männerwelt positiv beeinflusst wird. Ganz im Gegenteil. Wenn sich der Feminismus nun popkulturell auf die vulgäre Schiene begeben muss, um Aufmerksamkeit zu erlangen, ist das äusserst bedenklich und wird ihn nur weiter von seinen Zielen entfernen und sich der Lächerlichkeit preisgeben.

Dein Engagement im Zusammenhang mit der kommenden Recherche zum Thema "sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz" scheint mir in diesem Kontext nicht nur ambivalent sondern widersprüchlich. Die Probleme sexueller Belästigung entstehen nicht erst am Arbeitsplatz, sondern fundieren wohl schon in der Art und Weise, was wir und die Medien unseren Kindern weitergeben. Ich empfinde es übrigens auch bereits als sexuelle Belästigung, wenn Medien ungefragt tendenziöse Inhalte über den Äther streuen. Und wenngleich Spotify durchaus als tolle Errungenschaft des digitalen Zeitalters bezeichnet werden kann, dienen die mit "explicit" markierten Songs wohl eher dazu, speziell Interesse zu deren Konsum zu wecken...

In den Achtzigern gab es die mediale Zensur noch. Inzwischen wurde Sie klammheimlich abgeschafft. Warum eigentlich? Auch ich bin ein Kind dieser Zeit und habe Kinder im Alter Deiner Kinder. Ich empfinde es als problematisch, dass die Vulgarität immer gesellschaftsfähiger wird und offenbar keine Tabus mehr existieren. Ich empfinde es trotz Verfügen über ein gutes Mass an "Medienkompetenz" immer schwieriger, Kinder vor solchen Inhalten zu schützen und ihnen zu ermöglichen, ein gesundes Verhältnis zur eigenen und zur Sexualität des anderen Geschlechts zu entwickeln. Ich empfinde es problematisch, wenn Radiosender morgens, wenn man die Kinder im Auto zur Schule fährt, Interviews über Blowjobs und sexuelle Vorlieben senden, nur um Einschaltquoten zu generieren, von Hörern, die sich schon zum Frühstück daran aufgeilen. Ich bin alles andere als prüde, aber wenn man Kinder hat, sollte man nicht nur an die eigene Geilheit denken, sondern auch darüber nachdenken, wie man unsere Kinder heute und in Zukunft vor solcher Dekadenz schützen kann. Pornografie mag eine Kunstform sein, ob sie zur gesunden sexuellen Entwicklung des Kindes beiträgt, ist allerdings mehr als fragwürdig. Es herrscht ein neues Zeitalter der Egomanie, in dem wir zu vergessen scheinen, dass unsere Gesellschaft nicht nur aus Erwachsenen besteht.

Es ist eine Sache, wenn ich mit meinem Sexualpartner mit Dirty Talk unterhalte und der Hemmungslosigkeit freien Lauf lasse. Es ist etwas völlig anderes allerdings, ob ich im öffentlichen Raum Vulgarität und Tendenziösität erdulden muss - alles soll Platz haben in unserem Leben, aber doch bitte zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Vielleicht fragst du Dich, warum all dies im Zusammenhang mit Deinem Artikel und Deiner Arbeit zum Thema sexueller Belästigung. Nun, im gerade sehr einfältig geführten weltweiten Diskurs um sexuelle Belästigung, komme ich mir vor, wie in einer Gesellschaft Spätpubertierender, die selbst nach Orientierung sucht. Ausserdem geht es wohl doch eher darum, irgendwelche mehr oder weniger mächtige Personen an den Pranger zu stellen und Symptombekämpfung zu betreiben, statt vor allem die Ursachen der Entstehung verstehen zu wollen.

Sexuelle Belästigung entsteht doch gerade erst dadurch, indem sie sozialisiert wird, indem wir ihr eine mediale Plattform geben, welche entsprechende audiovisuelle Inhalte senden. Sie kann deshalb auch auf dem Schulhof oder am Arbeitsplatz nicht plötzlich verhindert werden kann. Wenn wir keine Verantwortung sehen, zum Schutze unserer Kinder und Jugendlichen dieser Dekadenz entgegenzuwirken, unterstützen wir gar die Entwicklung zukünftiger sexueller Belästigungen und Übergriffe, indem wir vor lauter Egomanie und Scham einfach wegschauen und sie zulassen. Solange wir diese Zusammenhänge nicht verstehen, ist die ganze Diskussion deshalb so was von scheinheilig.

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