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Elternblog

Wenn Kinder philosophieren

Sind Kinder eigentlich in der Lage, ernsthafte philosophische Gedanken zu fassen? Nein, so war lange die Lehrmeinung. Ein Kindergehirn sei für ernsthaftes Denken über das Denken kognitiv zu wenig ausgereift, hiess es. Doch nicht einmal die Philosophie bleibt vom Zeitgeist unbeleckt und so liegt die sogenannte Kinderphilosophie heute im Trend. Da gibt es kinderphilosophische Fachtagungen, Kurse, und Seminare, wo Kinder und Fachpersonen sich gemeinsam den ganz grossen Fragen stellen.

Ich kann mir vorstellen, dass viele Eltern das Angebot gerne in Anspruch nehmen, denn oftmals lässt uns das kindliche Wissensbedürfnis in seinem Totalitätsanspruch verzweifeln. Mit Kant müssen wir uns aber fragen: Was soll ich Angesichts dieser schönen neuen Möglichkeit tun? Das Philosophieren mit Kindern an die Fachstellen outsourcen? Oder in Kauf nehmen, von den Kinderfragen an die Mauern des eigenen Wissens gefahren zu werden?
Richtig ist: philosophische Fragen gehören zum Kinderalltag. Mein Sohn zum Beispiel sinnierte mit sechs am Frühstückstisch mit Blick auf einen Löffel, dass dieser eigentlich das Gefängnis der Cornflakes sei. Oder er fragte, ob im Kampf der Guten gegen die Bösen, der Held analog das Monster der Bösen sei. Und ob ein Held auch dann noch einer sei, wenn er in Schwierigkeiten gerät. Heute, als Zwölfjähriger, erzählt er mir von seinen Träumen über sein anderes, sein dunkles Ich.
«Können wir sicher sein, dass die ganze Welt nicht bloss ein Traum ist?»
Meine Tochter schürfte bereits mit acht in den Fundamenten der menschlichen Existenz. Sie wollte etwa wissen, wie wir das Leben aushalten sollen, wenn wir doch wissen, dass wir sterben werden. Ich hätte damals mit Heidegger antworten können, dass das Dasein sich dadurch auszeichnet, dass es ihm «in seinem Sein um dieses Sein selbst geht». Was ihr natürlich nicht weitergeholfen hätte. Ich sagte ihr also, der Tod sei nunmal ein Teil des Lebens, das Leben gebe keine Garantien, sei aber trotzdem lebenswert. «Warum?», fragte sie. Eben das gelte es herauszufinden: sein Schicksal zu erfahren. Was denn ein Schicksal sei, fragte sie dann. Das wusste dann wieder der Sohn: «Mein Schicksal zum Beispiel ist es, dass ich mich immer wieder verletze.» Als wir das durch hatten, hielt die Tochter bei einem Mittagessen, an einem Stück Rösti und Bratwurst kauend, plötzlich inne und erklärte, sie habe jetzt zwar keine Angst mehr, aber sie könne sich einfach nicht erklären, warum die Welt so sei, wie sie sei. Zum Glück wusste der fünfjährige Bruder eine treffende Antwort: «Also ich glaube an den Urknall.»
Sie wollte es aber genauer wissen: «Ich frage mich einfach, wie wir das alles wissen können. Können wir sicher sein, dass die ganze Welt nicht bloss ein Traum ist?»

Das wollte schon Platon wissen. Und Descartes. Den einen führte es zum Höhlengleichnis, den andern zum radikalen Zweifel und zur einzigen Gewissheit, nämlich derjenigen des Denkens. Der amerikanische Philosoph Hilary Putnam wandte die Frage dann zum Matrix-Problem: Wie wir sicher sein könnten, dass wir nicht bloss Gehirne in einem Tank sind, die uns unsere Welt nur vorgaukeln? Seine Antwort war, ziemlich vereinfacht: Wenn wir Gehirne in einem Tank wären, würden uns die Erfahrungen mit der Aussenwelt fehlen, die uns dazu bringen, uns solche Fragen zu stellen. Und das sagte ich auch meiner Tochter. Dass unsere philosophischen Probleme unsere menschliche Existenz ausmachen, dass wir zwar keine endgültigen Antworten finden, aber unsere Gattungsgeschichte eben darin besteht, dass jede Generation sich auf die Schultern der vorhergehenden stellt und von dort weiter sehen kann. Diese Erklärung gefiel wiederum meinem Sohn – vom Monsteraspekt her. Ein paar Jahre später schauten wir uns den Film dann tatsächlich an.

Um zur Konklusion zu kommen: die philosophischen Fragen der Kinder verlangen nicht nach den Antworten von Fachpersonen, ja nicht einmal diejenigen aus der Philosophiegeschichte, sondern aus ihrer unmittelbaren Lebenswelt, aus der sie sich das kognitive und emotionale Rüstzeug für den Eroberungsfeldzug ihres eigenen Lebens zusammenbasteln. Deshalb halte ich institutionalisierte Kinderphilosophie zwar für eine nette Idee, aber letztlich unbrauchbar. 

© Tages-Anzeiger/Mamablog

Zur Autorin

Michèle Binswanger ist studierte Philosophin, Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel.

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