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Elternblog

Angriff der Schleimmonster

Text: Michèle Binswanger
Illustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren
Warum eigentlich werden Filme wie «Alien» oder «Angriff der Körperfresser» produziert? Meiner radikal subjektive Erinnerung nach geht es in diesen Machwerken zur Hauptsache um, öhm, Schleim. Glibber, der Unschuldige bedroht, eine fremde Intelligenz aus herumspritzendem Matsch, die es auf die arme Menschheit abgesehen hat.

Mit Kindern hat man ähnliche Probleme. Wer es wirklich mal mit Schleim zu tun bekommen will, der gebe sich mit Babys ab. Aus dem Schleim entstehen sie und dass sie irgendwann auch wieder darin vergehen werden, wollen wir gar nicht so genau wissen. Schliesslich bekommt man es auch unterwegs damit zu tun und zwar nicht zu knapp.

Besonders am Anfang. Mit Babys schleimts und glibberts an allen Ecken und Enden – und das Ganze folgt sogar einer gewissen Dramaturgie. Als kleiner Wurm im Käseschmiermantel schlurpt ein Baby auf die Welt. Gut versorgt und und genährt, scheidet es dann bald schon den ersten Milchstuhl aus. Zunächst ist das harmlos, diese Kacke dampft noch nicht so richtig und stinkt in Massen. Nur die Masse wird das Problem, wenn das Baby prosperiert, immer fröhlicher trinkt und sich entsprechend erleichtert, am liebsten volle Kanne in die Windel und darüber hinaus. Das ist dann weder dem Body des Kleinen, noch dem Nervenkostüm der Mutter sehr zuträglich. Besonders, wenn sie während der explosionsartigen Emission gerade unterwegs ist, im Zug zum Beispiel, und wenn ihr unbesiegbares Reinlichkeitsempfinden sich dazu aufschwingt, der Katastrophe sofort zu Leibe zu rücken. Das zieht dann auch die lieben Mitmenschen in Mitleidenschaft und führt nicht selten zu seriellem Ekel, Entsetzen, oder gar fluchtartigen Platzwechseln. Eine für alle beschissene Situation.
«Süsses Kind, aber könnten sie es mal eben einen Moment halten, ich muss duschen.»
Das ist allerdings erst der Anfang in einer Klimax des Schleims, als welche sich die Babyjahre entpuppen. Es bleibt ja nicht dabei, bald geben die Kleinen die Flüssigkeiten auch oral ab. Manche Babys stossen dezent auf, andere sind geborene Vomitoren, wie damals der Neffe meines Mannes. Dick, süss und rosig lag er in seinem Bettchen und lockte in seiner babyhaften Bioluminiszenz nichts ahnende Tanten und Onkel an. Und sobald sie ihn mit «Na du süsser Kleiner» auf den Arm nahmen: Splash! Zwei Dezi halb verdauter Muttermilch auf der Bluse oder dem Hemd. «Süsses Kind, aber könnten sie es mal eben einen Moment halten, ich muss duschen.» Inzwischen ist besagter Neffe so weit herangewachsen, dass sich das Problem erstmal erledigt hat. Es dürfte sich wohl erst wieder beim ersten exzessiven Bierkonsum stellen.

Nun, das Baby trinkt ja nicht ewig Milch und was kündet die Beisserchen an? Genau, Sabber. Babys sabbern und sabbern. Sie ziehen Fäden, bei den ersten Krabbelversuchen, die an der Schleimspur durch die Wohnung nachzuverfolgen sind. Gerns werden aber auch Eltern und andere Zugewandte eingeschleimt, wobei das Baby fröhlich mit zahnlosen Mund strahlt. Neu erworbene koordinative Fähigkeiten nutzt es zu kreativen Experimenten, bei denen das unermüdlich abgegebene Sekret mit Leckerbissen angereichert wird. Püriertem Randen oder getrocknetem Brot, und das alles kommt dann an Kleidern und Küchenwänden zum Einsatz. Es gibt Brei, Baby, Pitsch, Patsch, Klitsch, Matsch – so geht das die ganze Zeit.

Die Phase geht vorüber. Nicht aber der Schleim. Vor dem ist man nie richtig gefeit. Gerade jetzt zum Beispiel hat er Hochsaison – für alle. Erst werden die Kleinen krank und wenn Babys sich einen Schnupfen holen, dann mutieren sie zu wahren Rotzschleudern. Viren und Bakterien verwandeln Lungen, Näschen und Gehörorgane in leistungsstarke Schnodderfabriken, immer im Einsatz um den Rekord in der Schleim-Brutto-Inlandproduktion zu brechen.

Eltern finden das meistens nicht so gut. Vor allem, weil der Schleim gern auch ihre Organe angreift und sie rennen in die Apotheke, wollen sich jene kleinen Pümpchen besorgen, mit denen man den Schleim absaugen kann. Oder könnte, denn zu dieser Jahreszeit, sind alle Pumpen ausverkauft, weil alle andern Babys ja auch einen auf Schleim machen. Und weil es immer schlimmer wird, rennen die Eltern zum Arzt, aber dort ist das Wartezimmer so verstopft, wie die Nasen der kleinen Patienten, und dann hilft nur noch eines: leistungsstarke Saugpumpe von der Baufirma ihres Vertrauens zu besorgen. Nur so besiegt man den Schleim.
Irgendwie widerlich, ja. Aber tja, das ist unsere Spezies. Wozu da noch Aliens erfinden?

© Tages-Anzeiger/Mamablog

Zur Autorin
Michèle Binswangerist studierte Philosophin, Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel. 

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