Desktop elternbildung streiten konflikte familien eltern kinder 1
Elternblog

Von wegen die Eltern sitzen am längeren Hebel!

Ein Streit zwischen Eltern und Kindern ist unfair. Weil Eltern immer am längeren Hebel sitzen. Unsere Autorin empfindet das oft gerade umgekehrt. Dass ihre Kinder ihre Kinder sind, verleihe ihnen ganz schön viel Macht. 
Text: Sandra Casalini
Eltern können Konflikte mit ihren Kindern beenden, indem sie einfach eine Entscheidung treffen. Eltern können bestrafen, belohnen, Konsequenzen ziehen, Machtworte sprechen. Warum fühle ich mich dann oft so hilflos, wenn ich mit meinen Kindern streite?

Vielleicht deshalb, weil ich oft gegen die kindliche Logik nicht ankomme. («Nein, Fernsehen schadet meinem Hirn nicht, im Gegenteil. Ich schone es, weil ich es beim Fernsehschauen nicht brauche.») Geschweige denn gegen die Argumentation eines Teenagers. («Ich bin morgen früh sowieso müde, egal, wann ich ins Bett gehe. Also kann ich auch gleich noch aufbleiben.»)

Meine Kinder dürfen mich doof finden. Und ich muss Verständnis haben.

Meine Kinder haben gemäss einem ungeschriebenen Gesetz das Recht, mich jederzeit ultradoof und megapeinlich zu finden und furchtbar wütend auf mich zu sein. Ich habe im Gegenzug dieses Recht nicht, sondern muss Verständnis zeigen und im besten Fall auch Humor.
 
Letzterer ist hilfreich, wenn sie mir Dinge an den Kopf werfen, die ich als ihre Mutter nicht einmal zu denken wage, geschweige denn laut aussprechen würde: «Eh Mann, Alter, du nervst! Aber so richtig!» Wobei das «Alter» ein gutes Zeichen ist, es bedeutet nämlich in ihrer Sprache, dass ich als gleichwertige Diskussionspartnerin akzeptiert bin. Immerhin.

Selbstverständlich nerven mich meine Kinder auch. Nicht nur ein bisschen, sondern manchmal «so richtig». Ich darf ihnen aber niemals sagen, dass ich sie gerade ultrablöd finde («ICH finde dich grad richtig doof» geht nicht als eine dieser viel gepriesenen Ich-Botschaften durch, fürchte ich).

Im Gegenteil. Ich achte sehr genau darauf, meinen Kindern im Streit klarzumachen, dass ich nicht sie blöd finde, sondern das, was sie tun oder getan haben – oder eben nicht. Worauf ich als Antwort meistens zu hören bekomme, ich verstände das halt nicht. (Man stelle sich umgekehrt vor, ich würde zu meinem Kind sagen: «Ich versuch dir hier was zu erklären, aber das verstehst du halt nicht, Dummerchen!») 

Wäre sie nicht meine Tochter, würde ich mir das nie gefallen lassen!

Wären meine Kinder Erwachsene – Freunde oder Arbeitskollegen –, würden wir Konflikte niemals so austragen, wie wir das tun. Einen ewigen Besserwisser wie meinen Sohn würde ich vermutlich einfach stehen lassen, statt nach unzähligen Erklärungsversuchen immer noch liebevolles Verständnis zu heucheln. Und käme mir jemand in dem Ton, den meine Teenie-Tochter manchmal drauf hat, würde ich die Diskussion wohl sofort für beendet erklären.

Mit meinen Kindern geht das nicht. Weil ich die Pflicht habe, mit ihnen zu streiten und ihnen Grenzen zu setzen. Aber ich habe auch die Pflicht, sie zu selbstbewussten und selbständigen Individuen zu erziehen – und sie demnach im Streit niemals über die Massen zu verunsichern oder gar zu demütigen.

Das ist nicht immer einfach. Aber als mein Sohn letzthin ganz pragmatisch meinte: «Ich weiss gar nicht, warum ich schreie, ich weiss ja, dass es nichts nützt», dachte ich, dass ich das vielleicht doch nicht so verkehrt mache.

Thumbnail sandra casalini
Autorin Sandra Casalini hatte kürzlich Diskussionen mit ihrer Tochter. Sie liess – dieses Dossier im Kopf – erst einmal die 12-Jährige reden. Diese erklärte sich wortreich – und kam ganz allein zu einer Lösung. Ab sofort gelten für die Mutter folgende drei Regeln bei Konflikten: 1. Zuhören. 2. Zuhören. 3. Zuhören

Wie streiten wir richtig?

Das ist das Thema unseres grossen Dossiers in der März-Ausgabe 2017. Hier können Sie unser Inhaltsverzeichnis einsehen und hier das Magazin bestellen.

Voher lieber noch einen anderen Artikel aus dem Dossier lesen? Gerne! Hier ein Interview mit Familientherapeut Jesper Juul zum Thema Streiten.
Anzeige

1 Kommentar

Diesen Artikel kommentieren

Von ingrid am 10.03.2017 14:22

'Verhandeln' und 'Angebote machen', das sind die Zauberwörter! Die Kinder entscheiden dann, welches Angebot sie annehmen wollen mit allen Konsequenzen.
Jeder hat Verantwortung... haben wir doch vor einigen Tagen in einem Artikel hier erfahren und nicht nur Aufgaben zu erfüllen. Das gilt für jedes Familienmitglied, auch Kinder haben eine Verantwortung für sich selbst!
Auf einem Elternmeeting im PrivatKindergarten antwortete mal eine Psychologin auf das Gejammer einer Mutter, dass es zu Hause immer nur Streit und Auseinandersetzungen gibt: '... das muss so sein und es ist auch gut so, denn die Familie ist das Trainingsrevier der Kinder fürs spätere eigenständige Leben.'
Wir Eltern haben nämlich auch noch ein ganz persönliches Problem damit und stellen uns gerne vor, dass unsere Kinder sich da draußen genauso verhalten wie zu Hause, aber das ist meistens NICHT so. Fragen Sie mal nach und sie werden staunen, was sie da zu hören bekommen. Nachdem ICH nachgefragt hatte, sah ich unsere sogenannten Krisen viel gelassener und konnte damit viel besser umgehen. Versuchen Sie es! Ich nannte es gerne: die Welt erntet das, was wir zu Hause gesät haben! :)

> Auf diesen Kommentar antworten