Elternblog

Weltweit verfügbar für den Job – aber was ist mit der Familie?

Konzerne fordern Flexibilität, lange Dienstreisen, schnelle Umzüge. Unsere Autorin Ulrike Légé ist mit ihrem Manager-Mann von Land zu Land gezogen – heute aber sehnt sie sich nach Wurzeln und fragt sich: Sind die Bedürfnisse der Familie nicht wichtiger als die der Firma?
Text: Ulrike Légé
Bild: Adobe Stock
Heulend und übermüdet vom Jetlag und vom Stillen stand ich zwischen den meterlangen Regalen im US-amerikanischen Supermarkt. Wir waren eben erst hergezogen und ich hatte keine Ahnung, warum hier so viele seltsame Milchsorten standen und wo es BPA-freie Nuggis gäbe. Mein sechs Monate altes Baby weinte solidarisch mit, unser dreijähriger Sohn klammerte sich verunsichert an den riesigen Einkaufswagen. 

Zu Hause merkte ich, dass wir Rahm statt Milch gekauft hatten. Denn statt in den gewohnten Tetrapacks steckt die Milch in den USA in riesigen Plastik-Gallonen. Meine Mutter und meine Freundinnen, bei denen ich mich gern ausgeweint hätte, waren zehntausende Kilometer weg. Und bei ihnen war tiefste Nacht. Da sass ich nun: allein und über Kleinigkeiten völlig verzweifelt mit zwei kleinen Kindern zwischen Umzugskartons.

Ein paar Tage vorher war ich mit den Kindern in die USA geflogen, meinem Mann hinterher. Der hatte dort seinen Traumjob angeboten bekommen, eine Beförderung innerhalb der Firma. Für die Entscheidung, als ganze Familie nach Amerika zu ziehen, hatten wir nur wenige Tage Bedenkzeit bekommen. Dann trat mein Mann die neue Stelle sofort an, Abschied und den Wegzug aus der Schweiz musste ich mit Baby und Kleinkind alleine stemmen.

Plötzlich war ich nur noch das mitgereiste Anhängsel

Eigentlich hatte ich mich als Abenteuer-Typ gesehen. Schüler-Austausch, Auslands-Studium, selber umziehen für den Job, Neues entdecken? «Na klar, ist doch spannend», fand ich immer. Offen war ich auch für Umzüge, als es um den Job meines Mannes ging. Schliesslich waren die Kinder klein, ich wollte ohnehin nur wenig und von zu Hause aus arbeiten, vielleicht noch ein Baby bekommen. Passte ja alles perfekt. 

Was ich völlig unterschätzt hatte, war der Stress, den es für eine Familie bedeutet, den Ort zu wechseln. Wie anders sich ein selbst bestimmter und gewählter Umzug anfühlte als ein berufsbedingtes Hinterherziehen. Wie ausgeliefert und überfordert ich mich fühlen würde als eine «trailing spouse». So hiess ich plötzlich in der Firmen-Sprache. Plötzlich war ich nur noch ein Anhängsel, die «Frau von …». Plötzlich bestimmte und änderte ein Job unser ganzes Umfeld.

Unsere Familie war in den Sog geraten von globaler Mobilität und dauerndem Verfügbar-Sein. Mein Job war es, am neuen Ort möglichst schnell ein neues Zuhause aus dem Nichts aufzubauen. Damit die Kinder nicht zu sehr aus der Balance gerieten. Und damit sich mein Mann auf die neue Stelle konzentrieren konnte. 
Hunderte Kisten ein- und am neuen Ort wieder auszupacken, war nicht das Schlimmste. Das Meiste davon übernahm auf Firmenkosten ein Umzugs-Unternehmen. Andere hatten schon beim Suchen von Haus und Spielgruppe geholfen, sich um Visas und Flüge gekümmert. Für Organisatorisches gab es die volle Unterstützung. Und als Expats stand uns ein gutes Gehalt zur Verfügung für unser neues Leben. Freunde beneideten uns, sehnten sich vielleicht selbst nach Aufbruch und grosser Freiheit. Living the American Dream.

Und doch: Selbst als wir uns neu organisiert und eingerichtet hatten, war unser Home Sweet Home noch kein Zuhause. Alles um uns herum war neu und unbekannt, anstrengend und verwirrend. Meine alten Freunde verstanden kaum, wie ich innerlich litt, obwohl ja von aussen alles perfekt aussah. Neue Freunde gab es noch nicht, in den ersten Wochen wechselte ich nur mit Postboten und Erzieherinnen ein paar Worte. Trotzdem musste ich es schaffen, fröhlich eine neue und heile Welt aufzubauen für zwei kleine entwurzelte Kinder. Für einen Mann, der bis tief in die Nacht arbeitete.

Wir fanden neue Freunde: Nette Eltern aus der Preschool, hilfreiche Nachbarn, freundliche Mütter aus dem Baby-Turnen – und vor allem andere «trailing spouses». Vorher hatte ich mir geschworen, ich würde niemals mit anderen Schweizerinnen und Deutschen in den USA zusammenglucken. Heute sind genau diese Mütter noch immer beste Freundinnen von mir und wir treffen uns regelmässig. Was uns schnell und tief verband, waren die Herausforderungen und das gegenseitige Sich-Unterstützen und Mut-Machen. Wir brauchten es alle.

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