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Elternblog

«Papa, was mach ich gegen Traurigkeit?»

«Was soll ich machen, wenn ich traurig bin?» Die Frage kam etwas unvermittelt, aber meine Tochter hatte sie gestellt, und nun schaute sie mich fragend an. 
Text: Mikael Krogerus
Illustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren
In ihrem Gesicht konnte ich nicht eindeutig erkennen, ob es sich um eine klinische Depression handelte, einen frühen Liebeskum­mer oder einfach um jene bodenlose Traurigkeit, die uns Menschen in den merkwürdigsten Momenten anfällt wie ein böser Hund. Ich schluckte. Zu dem Schock, dass es meinem Kind schlecht gehen könnte, gesellte sich schleichend die ungute Einsicht, dass ich, im fortgeschrittenen Alter von 40 Jahren, noch immer nicht weiss, was Traurigkeit lindert.

Vor vielen Jahren hatte ich der österreichischen Schrifstellerin Friederike Mayröcker die gleiche Frage gestellt. Sie war damals tief in der Trauerarbeit um ihren verstorbenen Lebenspartner Paul Jandl versunken und hatte mit «Und ich schüttelte einen Liebling» so etwas wie eine persönliche Erinnerung, einen Nachruf auf Jandl verfasst. Das Buch war ihr Versuch, das Unsagbare in Worte zu kleiden und ihm so den Schrecken zu nehmen. Ich sass damals in einem Wiener Kaffeehaus der alten, gebückten Dame gegenüber und fragte sie: «Was lindert die Trauer?»

Sie überlegte lange, und dann sagte sie: «Gehen. Sehr rasch und viel gehen. Das ist gut, wenn man einen grossen Schmerz hat. So kann man den über­brücken.»

Ich verstand auf Anhieb. Auch mir hat Gehen in so manch dunkler Stunde geholfen. Paradoxerweise endet beim Gehen das Grübeln und beginnt das Denken. Und wer richtig weit läuft, bei dem hört beides auf.
Man stosst auf Menschen, die noch die schlechteren Karten gezogen haben.
Besonders gut geht es sich übrigens in Grossstädten, denn wie viel Kümmernisse du auch mit dir herumträgst, so genügen doch oft nur wenige Schritte, um auf jemanden zu stossen, der im Spiel des Lebens noch schlechtere Karten gezogen hat als du.

Gleichzeitig ist das kein Ratschlag für eine Zehnjährige. Also fragte ich sie: «Was machst du, wenn du traurig bist?»

 Sie dachte kurz nach, dann sagte sie: «Ich weine. Dann gehe ich zu dir oder zu Mama. Und dann mache ich etwas, was mir Spass macht.»

 Sie schaute mich an und schaute dann auf ihre Uhr: Es war 14 Uhr, sie musste zum Zirkus. Also sprang sie auf, küsste mich und rannte zur Tür hinaus.

Ich schaute ihr aus dem Fenster hinterher und hatte ihre Worte im Kopf: Gefühle zulassen; Leute suchen, bei denen du dich aufgehoben fühlst; Dinge tun, die dir etwas bedeuten. Das waren ziemlich gute Ratschläge. Plötzlich drehte sie sich um und winkte mir. Ich winkte zurück und dachte bei mir, dass sie für eines der grossen Rätsel des Lebens deutlich weniger Zeit gebraucht hatte als ich.

Zum Autor:


Mikael Krogerus ist Autor und Journalist. Der Finne ist Vater einer Tochter und eines Sohnes, lebt in Biel und schreibt regelmässig für das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi und andere Schweizer Medien.

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1 Kommentar

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Von Irma am 29.08.2017 13:04

Vielen herzlichen Dank für diesen wunderschönen Artikel.
Kurz und gut.
Nach der Lektüre fühle ich mich momentan nicht mehr traurig sondern nur noch leicht sentimental, mit einer Prise Lächeln auf dem Gesicht.

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