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Elternblog

Morgenstund ist ungesund

Unser Kolumnist über Qual des frühen Aufstehens und warum es manchmal nicht schaden würde doch einmal etwas weiter über den Tellerrand hinaus zu schauen.
Text: Mikael Krogerus
Illustration: 
Petra Dufkova/Die Illustratoren
Von den vielen Dingen, die mich an der Schule stören, ist das schlimmste, dass sie so früh morgens beginnt. Algebra, Relativpronomen, Subjonctif – das ist alles schwierig, aber mit etwas Übung kann man es meistern. Frühe Schulzeiten hingegen sind zermürbender als jeder Stellungskrieg. Man muss ja nicht mal eigene Schulkinder haben, um das zu verstehen, man muss sich bloss erinnern: Gab es als Kind oder Jugendlicher etwas Schlimmeres als das Klingeln des Weckers unter der Woche? Draussen tiefe Dunkelheit, im Herzen und im Kopfe auch. Bei mir fing die Schule um 7 Uhr 40 an. Das war schon unerbittlich früh. Die Schule meiner Kinder beginnt um 7 Uhr 25 beziehungsweise 7 Uhr 35. In 30 Jahren hat sich die Schule um rund fünfzehn Minuten zurückentwickelt. Alles wird benutzerfreundlicher – ausser die Schule!
Vielleicht fängt ja nicht nur die Schule, sondern unser ganzes Leben zu früh an.
Dabei haben Psychologen, Pädagogen und Politiker jeden Bereich des Schullebens restrukturiert, reformiert, optimiert in der Hoffnung, das Lernen stressfreier und sinnvoller zu gestalten. Lehrpläne wurden entrümpelt, Fächer zusammengelegt oder gleich ganz abgeschafft (hallo, Altgriechisch!). Man hat über bewegte Schulen, Projektunterricht, ja sogar über Generationen-Klassenzimmer nachgedacht, aber praktisch nie über einen späteren Unterrichtsbeginn. Den Schweizer Bildungsdelegationen, die sich im PISA-Rausch finnischen Unterricht anschauten, ist offensichtlich nicht aufgefallen, dass finnische Schulen sich vor allem in einem Punkt von schweizerischen unterscheiden: in der Anfangszeit des Unterrichts. In Finnland geht vor 8 Uhr 30 oder sogar 9 Uhr fast nichts. Natürlich können die Schüler früher kommen, sie machen dann Hausaufgaben oder langweilen sich, bis die Schule beginnt.
Interessanterweise gibt es fast niemanden, der in diesem Punkt anderer Meinung wäre. Kein Kind freut sich, früh in die Schule zu kommen. Kein Elternteil erlebt eine tiefe Befriedigung, wenn er im Stockdunkeln Kinder aus dem Bett reisst. Keinen Lehrer motiviert der Anblick gähnender Schüler. Pro Jahr erscheinen unzählige Studien, die alle ungefähr das beweisen, was die Erfahrung ohnehin lehrt: Wer länger schläft, ist besser dran. Einige Hirnund Schlafforscher plädieren sogar dafür, erst um 10 Uhr mit dem Unterricht zu beginnen. Die Argumente der Gegenseite sind so schwach, dass man sie fast nicht aufzählen mag: Es war schon immer so. Wer früh anfängt, ist früh fertig. Morgenstund hat Gold im Mund. Und dann ist da das Nullargument aller zwinglianischen Kulturkreise: Schule ist Teil der Gesellschaft, deshalb muss sich der Unterrichtsbeginn der Arbeitszeit der Eltern anpassen. Damit nähern wir uns dem Kern des Problems: Vielleicht fängt ja nicht nur die Schule, sondern unser ganzes Leben zu früh an. Mir jedenfalls fällt kein einziger Mensch ein, dem nicht eine Stunde länger Schlaf unendlich guttun würde.

Zum Autor:

Mikael Krogerus ist Autor und Journalist. Der Finne ist Vater einer Tochter und eines Sohnes, lebt in Biel und schreibt regelmässig für das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi und andere Schweizer Medien.


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