Illustration von Mikael Krogerus
Elternblog

Die Treue zur Kindheit und der Teufelskreis der Wutbürger 

Unser Kolumnist Mikael Krogerus meint, Adornos «Erziehung nach Auschwitz» seit heute noch aktuell.
Text: Mikael Krogerus
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren
Es war das Jahr 1966, als der deutsche Soziologe Theodor W. Adorno im Rundfunk das Wort an alle Pädagoginnen und Pädagogen im Land richtete:

«Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. [...] Dass die Forderung Fragen aufwirft, [...] zeigt, dass das Ungeheuerliche nicht in die Menschen eingedrungen ist, [...] dass die Möglichkeit der Wiederholung fortbesteht.»

So begann der berühmte «Erziehung nach Auschwitz»-Vortrag, in dem Adorno einer ganzen Lehrerinnen- und Lehrergeneration ins Gewissen redete, dass es oberstes Ziel aller Pädagogik sein müsse, so etwas wie den Holocaust nie wieder geschehen zu lassen. Und dass er überhaupt begründen müsse, warum das wichtig sein soll, sei Ausdruck genau jenes Denkens, das es zu verhindern gelte.

Es ist ein kurzer Text. Ich kannte ihn nicht. Meine Frau hatte mich auf ihn aufmerksam gemacht. Angesichts der vielerorts zu beobachtenden Rückbesinnung auf Nationalismus, angesichts der Zunahme reaktionärer Denkweisen, angesichts von Brexit und Orban und Trump sollte man vielleicht, wenn es um Erziehung geht, nicht nur Remo Largo studieren, meinte sie, sondern auch mal Adorno. Ich begann zu lesen.

Es ist bekanntlich leichter, eine Drehtür zuzuschlagen, als Adorno zu lesen. Aber dieser Text lohnt sich. Im Kern sind es zwei Aspekte, die wichtig sind für die «Erziehung nach Auschwitz»: Autonomie und Empathie.

Wie verhindern wir, dass die Kälte uns erfasst?

Unter Autonomie versteht Adorno die Fähigkeit zu Reflexion und Selbstbestimmung. Erst wer sein eigenes Handeln reflektieren kann, entwickelt die Kraft zu einem selbstbestimmten «Nicht-Mitmachen». Mit Empathie wiederum meint er das Mitfühlen- und Mitleiden-Können mit anderen Menschen. Die Mörder in Auschwitz waren, wie Adorno ausführt, unfähig gewesen, «nein» zu sagen, und geprägt von einer grundlegenden Empathielosigkeit, einer emotionalen Kälte. Diese Kälte sei das Resultat einer frühkindlichen Erfahrung und einer gesellschaftlichen Ordnung, «welche die Kälte produziert und reproduziert». Wenn man also fragt, wie wir Auschwitz verhindern können, fragen wir eigentlich: Wie verhindern wir, dass diese Kälte unsere Kinder – und letztlich auch uns selbst – erfasst?

Man kann, so erklärt Adorno, die Kälte nicht wegerziehen. Aber man kann versuchen, ein wenig davor zu schützen, und zwar indem man der Kindheit «die Treue halte».

Es ist eine sonderbare Ausdrucksweise. Adorno erläutert sie in einer anderen Rede an Pädagogikstudierende so:

«Mit der Treue zur Kindheit meine ich, dass Sie [gemeint waren die Studierenden] nicht den Traum des ganzen Glücks für sich und für alle verkümmern lassen dürfen [...]. Der Begriff des Menschen selber haftet an dem Gedanken dessen, was mehr ist als die Menschen und ihre Existenz heute sind, und was schliesslich doch verwirklicht werden muss, an der Utopie. Damit möchte ich Sie nicht zum Schwärmen ermutigen [...], aber jenes unwägbare feine Gefühl, dass das, was ist, nicht die ganze Wahrheit ist, dass es ganz anders sein könnte und anders sein soll, muss sich zu jeder Erkenntnis dessen, was ist, gesellen; sonst ist es keine Erkenntnis, sondern die stumpfsinnige Wiederholung des blossen Daseins.»

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