Elternblog

Das Prinzip Mittwoch-Date

Die klügste Kinderärztin der Schweiz – oder: Hauptsache glückliche Eltern! Mikael Krogerus über das einzige Erziehungsprinzip, das er werdenden Eltern ans Herz legen möchte. 
Text: Mikael Krogerus
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren
Ein befreundetes Paar war mit seinem Neugeborenen bei der 1-Monats-Untersuchung. Die Ärztin nahm sich viel Zeit, untersuchte das Kind gründlich (alles in Ordnung!), lauschte den kleinen Sorgen und grossen Freuden der Eltern und stellte dann plötzlich diese Frage: «Wie geht es Ihnen? Als Paar?»
Was wäre, wenn Sie in Ihre Beziehung so viel Energie stecken würden wie in Ihr Kind?
Ich kann es nicht mit absoluter Sicherheit sagen, aber ich glaube, diese Frau ist die klügste Kinderärztin der Schweiz.

Denn was sie mit ihrer Frage insinuierte, war nicht: Haben Sie Beziehungsprobleme? Vielmehr zielte Sie auf eine von Eltern oft wenig beachtete Frage, nämlich diese: Was wäre, wenn Sie in Ihre Beziehung so viel Energie stecken würden wie in Ihr Kind?

Kinder bekommen heute in der Regel ein Mass an Aufmerksamkeit, das noch keiner Generation in der gesamten Menschheitsgeschichte zuteilwurde. Jeder Atemzug, jede Entwicklungsstufe, jede Reaktion wird registriert, ausgewertet, verglichen. Und wir reden hier nicht nur von den ersten zerbrechlichen Lebensmonaten, die ganze Kindheit gleicht eigentlich dem Versuch, die perfekten Voraussetzungen zu finden: die richtige Schule, das richtige Instrument, die richtige Sportart, die richtige Bildschirmzeit – zu allem gibt es Erhebungen, Diskurse, Meinungen, und nichts, wirklich gar nichts wird dem Zufall überlassen. Dabei ist Kindererziehen doch genau das: feststellen, dass es anders kommt als geplant. 

Wir hatten jeden Mittwoch ein Date

Die Kinderärztin meines Freundes sagt: Natürlich braucht ein Kind liebende, fürsorgliche Eltern, das steht ausser Frage. Aber es braucht auch glückliche Eltern. Und in der ganzen Aufregung, Freude und Sorge um den eigenen Nachwuchs sollten wir nicht vergessen, dass wir nicht nur Eltern sind, nicht nur ein Team mit den Schwerpunkten Logistik und Multitasking, sondern auch ein Liebespaar.

Lustigerweise habe ich – ohne zu wissen, was ich da eigentlich tat! – mit meiner Partnerin genau diesen Ratschlag befolgt. Als unsere Kinder klein waren, gingen wir jeden Mittwoch aus. Nicht weil wir dachten, dass es für uns als Paar gut wäre, sondern weil wir jung waren und rauswollten.

Wie dem auch sei, wir hatten also jeden Mittwoch ein Date. Mal waren wir im Kino, mal gingen wir essen, mal sassen wir nur auf einer Parkbank und schauten müde in die gleiche Richtung.

Meistens aber führte unser Weg in eine etwas schummrige Bar bei uns ums Eck. Wir waren jeweils die ersten Gäste am Abend und der Barkeeper nickte wissend, als wir zur Tür reinkamen, und servierte ungefragt einen Whiskey Sour und einen Dry Martini.

Der Abend begann wie ein Schichtwechsel in der Notfallstation: Welche Katastrophen konnten verhindert werden? Welche drohen? Aber mit jeder Minute (und jedem Schluck) rückten die Kinder und unser Elternsein, unsere Fehler und die Verzweiflungen in den Hintergrund und wurden abgelöst von einer unbändigen Lust aufs Leben.

Vieles würde ich in der Erziehung heute anders machen. Das Mittwoch-Date nicht. Es ist das einzige Erziehungsprinzip, das ich allen werdenden Eltern ans Herz legen kann. 

Mehr lesen von Mikael Krogerus: 

  • Unser Autor fragt sich, was bald 18 Jahre Vatersein mit ihm gemacht hat, und was er daraus gelernt hat. Eine Erkenntnis sei vorweggenommen: Was man in der Erziehung auch macht – das Gegenteil ist auch immer falsch. 

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2 Kommentare

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Von Sarah am 24.10.2019 15:51

Ich würde das auch sofort machen. Aber ohne Hütedienst kaum umzusetzen. Wenn man keine Grosseltern dafür hat, summiert sich das allein bei zweimal im Monat bereits auf ca. 200 CHF.
Die muss man erst mal haben.

Von Martina am 24.10.2019 20:53

Nachbarn finden? Ihr nehmt jeden geraden Mittwoch und sie hüten. Sie sind jeden ungeraden Mittwoch weg und ihr hütet? Wenn die Familie nicht nah ist, hilft es sehr, sich nahe Familien zu suchen.

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