Elternblog

MacGyver und die Kinder der Improvisation

Unser Autor ist von Beruf Theatermensch, genauer gesagt Improvisationsschauspieler. Gibt es Parallelen im Familienleben mit seinen vier Kindern? 
Autor: Christian Johannes Käser
Bild: Rawpixel und zVg (privat)
Ich werde oft von anderen Eltern gefragt, ob mir die Arbeit als Improvisationsschauspieler auch im Alltag mit vier Kindern nützt. Die Improvisation, das Agieren aus dem Moment heraus, folgt gewissen Grundsätzen. Wie helfen mir diese Prinzipien der Improvisation als Vater?

Machs jetzt und sag ja! 

Der erste Improvisateur, dem ich begegnet bin, heisst MacGyver und ist ein Actionheld aus den Achtzigern. Was ich von ihm gelernt habe und was auch das erste Prinzip der Improvisation auf der Bühne ist: «Machs jetzt und sag ja!»
 
MacGyver wartet nicht lange, sondern kittet einen Riss im Säuretank mit Milchschokolade. Was könnte näher sein bei den Kindern als dieses «Machs jetzt!». Jetzt heisst jetzt, genau jetzt. Kinder sind wahre Experten dieser ersten Improregel. Sie agieren komplett aus dem Moment heraus. 
 
Das ist nicht immer einfach für uns Erwachsene. Als ich letzthin mit meinen Jungs einen Tisch anstreichen wollte, hat der Vierjährige herausgefunden, dass man mit der Metallverstärkung am Pinsel wunderbare Muster in die Tischplatte ritzen kann. Währenddessen hat der Ältere die Schubladen innen so dick mit Farbe verstärkt, dass sie danach mühsam abgeschliffen werden mussten, damit sie wieder in die Halterung passten. 
Der Tisch kann sich sehen lassen
Der Tisch kann sich sehen lassen
Was für die Kinder ein improvisierter Spass, war für mich ein Desaster. Und doch, der Tisch war irgendwann gestrichen. «Machs jetzt, sag ja und vielleicht noch wie» und alle sind zufrieden. 
 
Was aber mache ich, wenn der vierjährige Sohn im Restaurant «Alice, Alice, who the Fuck is Alice» singen möchte? Was wenn er sich die Haare selber schneiden will? Oder wenn er im Winter ohne Schuhe und in kurzen Hosen darauf besteht, dass diese Kleidung für ihn jetzt genau richtig ist?  Sage ich dann auch «Machs jetzt?»
Beim Bouldern braucht es ein Ja! und viel Vertrauen
Beim Bouldern braucht es ein Ja! und viel Vertrauen
Ich bin gefangen im Helikopter-Drama, wie sehr will ich mein Kind umsorgen, wie frei will ich es fliegen und seine Erfahrungen machen lassen. Das Ja hilft mir nur dann weiter, wenn ich es zum «Ja genau, und» mache, wenn ich also dem Ja etwas aus meiner Perspektive hinzufüge. Das ist Improvisation. 

Ich suche im Restaurant ein Spiel mit Songs, ohne die anderen Gäste gleich auf die Palme zu bringen, wir schneiden die Haare zusammen oder ich bestehe zumindest auf Wollsocken in den Sandalen bei den aktuellen Temperaturen. 
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Hör zu! 

Die nächste Regel der Improvisation lautet: Hör zu!
 
Das klingt einfach. Wir werfen unseren Kindern täglich vor, dass sie es nicht tun, aber für uns selber ist es wohl auch der härteste Brocken. Das hat für mich damit zu tun, dass richtiges Zuhören die Bereitschaft sich zu Verändern mit einschliesst. Richtiges Zuhören ist der Feind jeglicher dogmatischer Erziehung, die nicht bereit ist auch auf Vorschläge der Kinder einzugehen und ihnen Beachtung zu schenken. Wer aktiv zuhört, plant nicht alles voraus und wenn das Tannenwäldli zum Picknick lockt, warum sollten wir dann darauf bestehen, den Grillplatz zu erreichen? 
Aussicht ist Aussicht. 
Aussicht ist Aussicht. 
Es kann aber auch passieren, dass ich mir fest vorgenommen habe, am Mittag fröhlich lächelnd die Schneeberge auf dem Üetliberg zu überblicken, stattdessen sitze ich unten auf dem Spielplatz mit einem Pack trockenen Darvidas und schiebe mit einem leichten Kopfweh das Rittiseili an. Tage mit den Kids können grausam in die Hosen gehen. 

Lass das Scheitern zu! 

In solchen Situationen kann ich mich mit der wohl wichtigsten Grundregel der Improvisation beruhigen: Lass das Scheitern zu! Es gehört nun mal zum Leben wie zum Eltern sein. Und das ist gut so. 
 
Was mir dabei hilft, dieses «Scheitern» auch wirklich zuzulassen, ist der Ansatz von Keith Johnstone, dem Altmeister der Bühnenimprovisation. Er sagt seinen Studierenden: «Be average»! Sei durchschnittlich. Aber wir haben doch Remo Largo, Jesper Juul und Nicola Schmidt gelesen und wollen es unbedingt so gut wie möglich machen! Das ist meiner Meinung nach total unnötig. 
Ein Feuerwerk der Erleuchtung in Punkto Erziehung? Nein, braucht's aber gar nicht: Be average!
Ein Feuerwerk der Erleuchtung in Punkto Erziehung? Nein, braucht's aber gar nicht: Be average!
Im Zeitalter der Selbstoptimierung klingt durchschnittlich sein furchtbar unsexy, aber mir hilft es beim Eltern sein ungemein: Versuch durchschnittlich zu sein und du wirst einen entspannteren Zugang zum Alltag mit den kleinen Dauer-Improvisateuren haben. Denn auch ein zerkratzter Tisch ist nur ein Tisch und MacGyvers Frisur auch nicht über alle Zweifel erhaben ...

<div><strong>Christian Johannes Käser</strong> steht seit über 20 Jahren auf der Bühne. Seine vier Kinder (8, 7, 4 Jahre und 9 Monate alt) und seine Frau sind seine liebsten Kritiker. Der gebürtige Appenzeller lebt in Zürich. Improvisiert wird in allen Lebenslagen, ausser bei der Liebe zum Fussballverein. Da gilt nur eines: Hopp Sangalle!&nbsp;</div>
Christian Johannes Käser steht seit über 20 Jahren auf der Bühne. Seine vier Kinder (8, 7, 4 Jahre und 9 Monate alt) und seine Frau sind seine liebsten Kritiker. Der gebürtige Appenzeller lebt in Zürich. Improvisiert wird in allen Lebenslagen, ausser bei der Liebe zum Fussballverein. Da gilt nur eines: Hopp Sangalle! 

Mehr lesen: 

  • Die Sache mit den Kindern: Eine vorläufige Bilanz
    Unser Autor fragt sich, was bald 18 Jahre Vatersein mit ihm gemacht hat, und was er daraus gelernt hat. Eine Erkenntnis sei vorweggenommen: Was man in der Erziehung auch macht – das Gegenteil ist auch immer falsch. 

  • «Chills Mama!» Wer nicht planen kann, der muss leiden. Spätestens dann, wenn die eigenen Wechseljahre mit der Pubertät der Kinder zusammenfallen. 

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