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Elternblog

Kräftig in die Eier treten

Unsere Kolumnistin Michèle Binswanger über das Heranreifen zur Frau, grabschende Männer und das Recht, seine Grenzen zu verteidigen.
Text: Michèle Binswanger
Illustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren
Erinnere ich mich daran zurück, wann ich mich zum ersten Mal als Frau fühlte, gibt es diesen einen Moment. Es war nicht der unvermeidliche rote Fleck in der Unterhose, nicht die schamvoll umklammerte Packung Tampons, sondern ein Auto. Mit quietschenden Reifen nahm es die Kurve, ein Mann beugte sich heraus und brüllte mir hinterher: «Geiler Arsch, du Stute!» Ich zeigte ihm den Finger – meinen heimlichen Stolz, solches Interesse zu erwecken, beschloss ich zu ignorieren. 

Meine Tochter ist ebenfalls fünfzehn, bald eine Frau. Neulich erzählte sie mir vom Ausgang. Sie war auf einer Party ihres Gymnasiums, eine öffentliche Veranstaltung in einer städtischen Halle. Die Musik war schrecklich, die Jungs peinlich, aber sie hatten grossen Spass. Oh, und ihre Gruppe von Mädchen sei übel begrabscht worden, erzählte sie beiläufig. Offensichtlich war da ein Mann, ein Erwachsener, der sich ihrer Gruppe näherte, die Kolleginnen an den Hintern fasste und meine Tochter, als sie sich schützend davor stellte, in die Brust kniff. Ich meinte mich verhört zu haben. «So ein Schwein!», rief ich: Wer das gewesen sei, jemand, den sie kenne? Hatte ihn sonst jemand gekannt? Sie lächelte unsicher, überrascht von meiner Reaktion: «Chill, Mama, so schlimm war es nicht.» Chill? Kommentarlos in die Eier treten sollte man so einen. 
«Meine Tochter wird ihren eigenen Weg finden. Ich habe sie derweil für einen Krav-Maga-Kurs angemeldet.»
Was meine Tochter mir signalisierte, ist beruhigend. Dass ich mir keine Sorgen machen muss, dass das ein Idiot war und sie mit der Erfahrung klarkommt. Ob meine Tochter aber auch wusste, was ich meine, bezweifle ich. Nämlich, dass sich kein Mann solch niederträchtige Übergriffe erlauben darf. Und keine Frau und schon gar kein Mädchen sich das gefallen lassen muss. Ganz egal, wie schlimm der Übergriff empfunden wird oder eben nicht. Die Pubertät ist eine Zeit der körperlichen Revolutionen. Haare spriessen, Brüste knospen, Hüften wachsen. Und die Blicke auf der Strasse verändern sich, wenn man als sexuelles Wesen wahrgenommen wird. Die Verwandlung wird oft von psychischen Krisen begleitet, die sich in dieser Zeit in Form von Essstörungen oder Selbstverletzungen zeigen können. 

Dahinter steckt das Bedürfnis, die Kontrolle zurückzugewinnen, seine physischen und psychischen Grenzen zu manifestieren. Was braucht es, um sich in einer Wohnung, einer neuen Stadt, mit einem neuen Menschen heimisch zu fühlen? Es braucht Erfahrungen. Man holt Brot aus der Bäckerei zwei Strassen weiter, erlebt, wie der Park nebenan sich mit den Jahreszeiten verändert. Und genau so funktioniert es mit der Sexualität. Es geht darum, sich diesen neuen Körper und diese neue Persönlichkeit zu entdecken. Und vor allem zu erkennen, wo die Grenzen liegen und wie man sie schützt. Meine Tochter wird ihren eigenen Weg finden. Ich habe sie derweil für einen Krav-Maga-Kurs angemeldet. Dort lernt man effektive und gnadenlose Selbstverteidigungstechniken. Damit sie den nächsten Täter kräftig in die Eier treten kann.

Zur Autorin
Michèle Binswanger ist Philosophin, Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel. Sie schreibt regelmässig für das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi.

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6 Kommentare

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Von Sabiene am 12.06.2017 14:00

Gratuliere zu dieser Einstellung. Bei meiner Tochter (12) wurden auch innerhalb der Klasse sogar die Mädchen begrabscht. Es gab dann viele Gespräche mit den Eltern der Jungs und den Lehrern. Gebracht hat es allerdings nicht viel. Nach ein paar Wochen wurde es mir zu bunt und ich habe ihr zu einem solchen Tritt geraten. Nach ein paar tritten war dann Ruhe! Man muss den mädchen raten sich zu wehren und ihnen zeigen wie. Ich bin selbst auch Sportlehrerin an einer Oberstufe und seither mache ich mich noch stärker für entsprechende Kuse an meiner Schule. Seit wir dies machen, habe ich das gefühl dass die Jungen den Mädchen viel mehr Respekt entgegen bringen!

Von Sabiene am 12.06.2017 16:57

Ja, ich hab das schon mitbekommen. Wie gesagt, will ich dann die Situation einschätzen können. Wenn sich rausstellt, dass der Junge dem Mädchen an die Brüste gefasst hat, dann sage ich dem Mädchen nicht dass sie sich falsch verhalten hat. Dann sage ich ihr dass sie das recht hat sich zu wehren und anschliessend, wenn der Junge wieder in der Lage dazu ist, unterhalte ich mich mit ihm und erkläre ihm dass er sich falsch verhalten hat. Wenn jetzt allerdings sich rausstellt, dass der Junge einfach verbal frech oder beleidigend war, dann nehme ich mir das Mädchen vor. Auch das ist schon vorgekommen, dass ein Junge einem Mädchen gesagt hat sie sei eine Schl..pe und das mädchen hat dem Jungen dafür zwischen die Beine getreten. Das geht natürlich gar nicht!!!

Versteh mich nicht falsch: Gewalt ist das allerletzte Mittel. Ich würde den Mädchen ja auch gerne sagen sie sollen andere Sachen versuchen (wie z.Bsp. zu mir zu kommen..) allerdings ist es auch nicht schlüssig wenn ich den Mädchen in dem Kurs sage wie sie sich wehren sollen, aber das dürfen sie nur ausserhalb der Schule sonst bekommen sie ärger. Geht doch auch nicht auf. Ich glaube es ist auch nicht das dümmste für die Mädchen wenn sie sich in einem geschützten Umfeld das erste mal zur Wehr setzen. So ist die wahrscheinlichkeit dass sie das auch Nachts auf der Landstrasse anwenden wohl höher. Auch für die Jungen ist es wohl besser, sie lernen wie sich verhalten, solange sie noch Jung sind! Lieber wohl mal mit 13 in der Schule einen kassieren als dann mit 20 wo die Frauen noch stärker und selbstbewusster sind.

Von Julia am 12.06.2017 16:08

Dann haben Sie das schon mitbekommen und unternehmen nichts dagegen?

Von Sabiene am 12.06.2017 14:43

Ja, ernsthaft. Naja, was heisst gut heissen. Es kommt natürlich auf die Umstände an. Wenn ich es mitbekomme, dass in meiner Klasse so etwas passiert, dann will ich wissen was dazu geführt hat. Wenn dabei raus kommt dass er sie sexuell belästigt hat, ja dann habe ich nichts dagegen. In einem solchen Kurs wird eben auch erklärt, wo eigentlich überhaupt die Grenze liegt, viele Mädchen werden lange Zeit belästigt und denken das sei normal (wie auch im Artikel beschriben: "Ach, so schlimm ist das nicht". Nach dem Kurs ist den Mädchen klar: Es ist schlimm. DIe Jungs verhalten sich dann so wie immer und die Mädchen wissen es ist nicht richtig und wehren sich dann auch. Nach zwei drei Tritten in die Eier spricht sich das schnell rum und die Jungen verhalten sich dann wieder korrekt. Mag jetzt hart klingen, aber es lernen alle dazu und das ist das wichtigste für mich als Lehrerin. Die Jungen lernen dass sie sich nicht richtig verhalten haben, die Mädchen lernen sich zu trauen sich zu wehren und auch wie. Klar, den Jungen tut das kurz weh, aber die Mädchen wurden zum Teil über längere Zeit unkorrekt behandelt.

Von Julia am 12.06.2017 14:18

? Ernsthaft? Du als Lehrerin heisst es gut wenn die Mädchen den Jungen kräftig in die Eier treten? Deshalb bekommen sie mehr respekt von den Jungen? Es kann doch nicht sein dass dies ein Mittel für in der Schule ist!!
Ich hoffe ich habe sie falsch verstanden, oder wie meinen sie das genau?

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Von tabea am 09.05.2017 22:36

Ich habe schon einige ihrer Artikel gelesen und amüsiere mich jeweils köstlich. Überaus erfrischend finde ich auch, dass es einie Mutter gibt, die in Basel lebt, Philosophie studiert hat und trotzdem (mein Vorurteil zu diesen Komponenten führt zum Wort trotzdem) von der Leber weg schreibt und nicht krampfhaft versucht irgendwelche Klischees auszulassen.

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