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Elternblog

Kung Fu statt Diät!

Unsere Kolumnistin Michèle Binswanger erschrickt, als ihre zehnjährige Tochter plötzlich erklärt, dass sie zu dick sei. Woher hat sie das nur?
Text: Michèle Binswanger
Illustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren
Mit zehn Jahren war meine Tochter ein gesundes, aufgewecktes Kind, völlig normal. Nicht normal fand ich, als sie plötzlich des öfteren vor dem Spiegel stand, sich in den Bauch kniff und sagte: «Schau mal, wie dick ich bin.»

In meiner Primarschule gab es in jeder Klasse einen Dicken, der wegen seines Gewichts gehänselt wurde. Auch das war nicht richtig, aber meine Tochter war nicht einmal dick. Nicht im Geringsten. Warum also machte sie sich in ihrem zarten Alter bereits Sorgen über ihre Figur?

Natürlich kenne ich die Problematik aus meiner Jugend, bin aber schon lange im Reinen mit dem Thema, das in unserer Familie keines ist. Auch die bösen Lifestylemagazine oder MTV konnten nicht an der getrübten Körperwahrnehmung meiner Tochter schuld sein. Sie schaute noch nie fern und las noch keine Magazine. «Wie kommst du auf die Idee, dass du dick sein könntest?», fragte ich. Es waren die Freundinnen. Man verglich sich, legte den Standard fest und dann hiess es: Du bist dick.
Frau werden in dieser Gesellschaft bedeutet, zur ästhetischen Mängelliste zu mutieren. 
Jede Kultur hat ihre eigenen Initiationsrituale. Das bezeichnet nach Wikipedia «die Einführung eines Außenstehenden (eines Anwärters) in eine Gemeinschaft oder seinen Aufstieg in einen anderen persönlichen Seinszustand, beispielsweise vom Kind zum Mann, vom Novizen zum Mönch oder vom Laien zum Schamanen». Zwar hat unsere Kultur mit Ritualen wenig am Hut, aber auf die weibliche Initiation kann man dennoch zählen. Ihr Ritual: der vermessende Blick der anderen. Und zwar ist das nicht nur der männliche Blick, sondern auch der der anderen Frauen.

Frau werden in dieser Gesellschaft bedeutet, zur ästhetischen Mängelliste zu mutieren. Haare, Brüste, Hintern, Gesicht, Oberschenkel - immer wieder entdecken die Frauen neue Bereiche, in denen sie ihre mangelnde Perfektion kultivieren können – nach den Armen (Trizeps!) und den Knien (nicht zu knochig) ist es neuerdings der Schambereich, der mit perfekten inneren (klein!) und äusseren (üppig und voll!) Schamlippen ausgestattet sein muss. Der Katalog der Anforderungen scheint mit länger zu werden, befeuert von den vielen sogenannten «Influencern» auf Instagram. Entsprechend beginnt die problematische Körperwahrnehmung auch nicht mehr in der Pubertät, sondern schon im Kindergarten.
 
In meiner Klasse im Gymnasium steckten sich die Mädchen mit ihren Essstörung gegenseitig an. Eine ass nur noch Salat ohne Sauce, die anderen bunkerten auf Klassenausflügen Diät-Joghurt im Kühlschrank oder erbrachen sich nach dem Essen. Auch ich hatte damals Angst, zu dick zu sein oder zu werden und hungerte in ein paar Monate lang, bis zehn Kilo weg waren und ich aussah wie eine Vogelscheuche. Danach beschloss ich, dass das auch keine Lösung sein könne.
 
Irgendwann flachten auch die Essstörungen der anderen zur ganz normalen Ernährungsneurose ab. Heute haben junge Mädchen noch ganz andere ästhetische Probleme, für die sie gern zum Onkel Doktor rennen. Der pumpt Silikon in die Brüste und Kollagen in die Lippen, korrigiert Schamlippen und strafft auch sonst, was nicht gefällt. Schönheit, beziehungsweise der Wunsch, einem unmöglichen Ideal zu entsprechen, ist heute eine Frage der Leistung, beziehungsweise ob man es sich leisten kann.

Natürlich ist es in Ordnung, wenn Frauen auf sich achten, sich ihre ästhetischen Wünsche erfüllen und wenn Silikontitten der Weg zum Glück sind, warum nicht? Aber mich stört der immense Druck, alles soll normiert aussehen und dabei wird unendlich viel Zeit, Geld und Energie verbrannt, die man eigentlich für Schlaueres verwenden sollte. 
 
Und was sage ich meiner Tochter? Ich bin in Verlegenheit. Es ist ein bisschen, wie wenn ein Angehöriger eines Bekannten stirbt. Man fürchtet, das Falsche zu sagen, aber ignorieren geht auch nicht. Also sagte ich: «Du bist nicht dick. Jeder Mensch ist anders gebaut, die einen etwas fester, die anderen weniger.» Und dann schickte ich sie ins Kung Fu. Viel wichtiger, als schön auszusehen ist nämlich, sich gut zu fühlen. Und stark. Darum sollten Mädchen sich kümmern – nicht um ihren Body-Mass-Index.

© Tages-Anzeiger/Mamablog

Zur Autorin
Michèle Binswanger ist studierte Philosophin, Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel. 

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