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Elternblog

Too much information!

Text: Michèle Binswanger
Illustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren
Die Schule meint es wieder mal wahnsinnig gut mit uns Eltern. So gut, dass es einen wahnsinnig machen könnte. Mit dem Beginn des Schuljahrs flattern sie wieder, die Informationsbroschüren, Einladungen zu Veranstaltungen und Gesprächen, Aufforderungen zur Mithilfe, Elternbriefe und was nicht noch. Als berufstätige, aber nicht wahnsinnig gut organisierte Mutter sehe ich schwarz für meine Nerven.

Burn-Out-Therapeut

Wann ist eigentlich alles so kompliziert geworden? Meine Mutter war berufstätig und brachte vier Kinder durch die Primarschule. In all den Jahren, erzählt sie, habe sie lediglich eine Handvoll Elternabende und Krippenspiele besucht. Sie kann froh sein. Denn bei der Informations- und Aktivitätenneurose der Schulen heutzutage bräuchte sie bei vier Kindern eine Sekretärin. Oder einen Burn-out-Therapeuten. Ich habe nur zwei Kinder, aber beinahe täglich bringen sie Blätter nach Haus. Sie informieren über geplante Ausflüge, Angebote, «Fit for Activity»-Days oder was sonst noch so ansteht.

Jüngst streckte mir meine Tochter ein Blatt unter die Nase, in der eine der drei Nebenfachlehrerinnen ankündigte, an einem bestimmten Datum ihre Lehrerpflichten nicht wahrnehmen zu können. Sie wollte wissen, ob sie eine Aushilfe organisieren oder die Stunde nachholen solle. Beigefügt war eine Liste möglicher Nachholdaten. Natürlich kann ich einer Lehrerin bei der Entscheidung behilflich sein, wie sie ihre Stundenausfälle organisieren soll, aber ist das meine Aufgabe? Wäre ich ein Organisationsgenie, hätte ich von Anfang an die Weltherrschaft oder etwas Ähnliches angestrebt. Dazu ist es nicht gekommen, ich bin darüber hinweg. Ich brauche keine mütterliche Substitutionstherapie.

Manchen Eltern geht alles am Allerwertesten vorbei

Ich freue mich, wenn meine Kinder im Rahmen der Schule interessante Dinge tun. Auch nach einem anstrengenden Arbeitstag streiche ich ihnen gerne Brote für den Ausflug, versuche, wenn es mein Terminkalender erlaubt, ihre Theateraufführungen und Singspiele zu besuchen, und ich stehe zweimal im Jahr den Elternabend durch. Zwar hatte ich noch nie den Eindruck, etwas Entscheidendes wäre mir bei Fernbleiben entgangen. Und ich rutsche an diesen Abenden jeweils auf dem Stuhl herum wie eine driftende Kontinentalplatte. Aber es geht um den symbolischen Akt, der für die positive Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern steht.

Ich verstehe sehr gut, dass die Lehrer sich engagierte Eltern und eine nahtlose Zusammenarbeit wünschen und entsprechend informieren. Aber es ist doch so: Manche Eltern schreiben wegen jeder Note ein Mail an den Lehrer mit CC bis zum Erziehungsdirektor. Andere bringen bei jeder Schulaufführung Selbstgebackenes mit und helfen am Schluss noch die Böden reinigen. Und es gibt auch jene, denen das meiste am Allerwertesten vorbeigeht – wahrscheinlich auch ihre Kinder. Sie sind froh, diese in der Schule parkieren zu können, weil sie dann wissen, wo ihre Kinder überhaupt sind. 
Weniger ist mehr, bitte!
Ich weiss, die Lehrpersonen meinen es nur gut. Sie nehmen ihren Job ernst. Sie wollen die Eltern mit einbeziehen. Sie haben es nicht einfach. Trotzdem: Ein paar Blätter weniger, ein bisschen auf den Punkt kommen und weniger vorauseilende Informationsmanie würde wesentlich zu meiner Entspannung beitragen. Andernfalls bräuchte ich dringend ein Informationsblatt zum Thema: Geistig gesund bleiben mit schulpflichtigen Kindern: Eine Schritt-für-Schritt-Anleitung.
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Zur Autorin:

Michèle Binswanger ist studierte Philosophin, Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel. 

3 Kommentare
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Von Anja am 24.10.2017 14:54

Liebe Frau Binswanger,
Es geht mir zur Zeit genau wie Ihnen, kaum beginnt die Schule kommt hier eine Blätterflut an. Bei drei Kindern, zurzeit in 3 verschiedenen Schulen ausserdem selber Lehrerin (Teilzeit) brauche ich fast eine Sekretärin.
Liebe Grüsse und Energie (es wird im Advent ja nicht besser)
Anja

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Von Martina am 22.10.2017 09:34

Sehr treffend beschrieben, einen beinahe schon gewohnten Zustand ! 👍🏾
Die Infoflut aus der Schule kommt aber zu 90% nicht von der Lehrperson selber! Werde den Artikel gerne an die zuständigen Stellen weiterleiten!😊

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Von Astrid am 21.10.2017 15:19

Liebe Frau Binswanger
Vielen Dank für diesen erfrischenden Artikel. Ich stimme Ihnen voll und ganz zu. Auch für uns Lehrpersonen wäre manchmal weniger mehr.
Ich kann Ihnen aus meinem Alltag erzählen: Manchmal muss ich meinen Schülerinnen und Schülern so viel Infos und Zettel abgeben, dass gut und gerne eine Lektion flöten geht, weil ich ja die Kopien nicht nur den Kindern „hinwerfe“, sondern das Meiste auch mit ihnen durchgehe (es gibt viele fremdsprachige Kinder/Eltern in meiner Klasse), damit sie es ihren Eltern erklären können - das ist zumindest meine Hoffnung. Dann muss noch alles ins Kontaktheft eingetragen werden usw.
Auch ich wünschte mir weniger Informationsflut, seitens der Schulpflege, der Schulleitung, all der Menschen, die einen Workshop oder einen Infoanlass durchführen, weniger Evaluationen, die man für jeden Furz (entschuldigen Sie) machen muss.
Im Vermitteln und „Imkopfbehalten“ von Terminen betreffend Schulsozialarbeit, Logopädie, Zahnarzt, Arztbesuche komme ich mir regelmässig wie die Sekräterin meiner Schülerinnen und Schüler vor.
Auch verbringe ich Stunden mit dem Kopierapparat, wenn man all die Kopien zusammenzählt, die wir abgeben müssen - nicht zu sprechen von der Papierverschwendung, die diese Informationsflut verursacht.
Es liegt uns Lehrpersonen sicher nichts daran, Eltern mit Infos und Zetteln zu überschwemmen. Ich meine, viele von uns leiden selber unter dem „Zwang“, so viele administrative Arbeiten zu erledigen und all die Infoschreiben abzugeben - nur fürchte ich, dass es in den nächsten Jahren nicht besser wird.

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