Elternblog

Camillo – ein Hund auf Zeit

Die Wünsche der eigenen Kinder zu erfüllen, macht Freude. Was aber, wenn das so richtig viel Arbeit mit sich bringt? Das ist die Geschichte von Hund Camillo, einem Herzenswunsch, erzählt aus Sicht der Mutter.
Text: Daniela Lüchinger
Bilder: Günther Lüchinger
«Mami, wann kriege ich nun endlich einen Hund?». «Mist, voll ertappt», denke ich. Unsere 10-Jährige hat seit Wochen kein Wort mehr über einen Hund verloren. Ich dachte, sie hätte das leidige Thema vergessen. Aber weit gefehlt!

Schon seit zwei Jahren bearbeitet uns unsere Tochter Anna mit ihrem Wunsch nach einem Hund. Irgendwann im zweiten Jahr hatte sie uns schliesslich weichgeklopft. Wir gaben nach. «Ja, ja, wir schauen dann mal», versprachen wir Eltern. Wann dieses «dann» genau ist, liessen wir elegant offen.

In der gut sortierten Bibliothek des Nachbarortes deckten wir uns vorsichtshalber mit Hundeliteratur ein. Falls uns Anna rumkriegen sollte, wüssten wir immerhin bereits, welche Rasse ins Haus kommt.

Die Freuden und Leiden eines Hundehalters

Während ich diese Geschichte zu Papier bringe, liegt er neben meinem Pult: Camillo. Ein knuddeliger Trüffelhund, der mit seinem wolligen Fell an ein Schaf erinnert. Mir seine Rasse zu merken, hat Zeit benötigt. Camillo gehört zur Art der Lagotto Romagnolo. Wasser, auch in Form von Schnee, mag diese Rasse ganz besonders. Wie er so daliegt, entspannt und gemütlich, erinnert er an einen Teddybär. Doch die Freude währt nur kurz.

«Camillo, du machst mich fix und fertig», geht mir durch den Kopf, während der gelockte Hund freudig seine Schnauze gehen mein Bein stösst. Ich weiss, was er will: Nach draussen – spazieren gehen. Zum fünften Mal heute. Bewegung wird gross geschrieben in unserer Familie, wir sind oft aktiv in der Natur unterwegs. Aber das, was dieser Hund fordert, ist einfach zu viel des Guten.

Abends um zehn sinke ich todmüde ins Bett. Meine Freundin Marion bringt es auf den Punkt: «Ein Baby ist Peanuts dagegen». Sie muss es wissen, wohnt sie doch seit drei Wochen mit einem Welpen unter einem Dach – auch dieser war ein Kinderwunsch. Ich habe ihr gegenüber einen grossen Vorteil: Camillo ist nicht unser Hund.

Einen Hund «ausprobieren»?

Eine weise Fügung des Schicksals wollte es, dass ich eine Frau kennenlernte, deren Schwiegereltern einen Ferienplatz für ihren Hund suchten. «Das ist die Gelegenheit», dachte ich mir. Bereits kurz darauf besuchte uns Camillo das erste Mal. Es war Dezember, Schnee bedeckte die Landschaft – für den Trüffelhund das Paradies.

In dieser Woche bewegte ich mich so viel draussen wie noch nie. Camillo, der normalerweise auf einem Bauernhof in der Toscana wohnt, wollte raus. Ein Frischluftfanatiker – ganz offensichtlich. «Anna, geh doch mal raus mit Camillo!», regte ich meine hundeliebhabende Tochter an. «Keine Lust, bin grad am Lesen», tönte es zurück.

Nach nur wenigen Tagen stellte sich heraus, dass 98 Prozent der Hundearbeit an meinem Mann und mir hängenblieb. Schnell haben wir den wolligen Hund in unser Herz geschlossen. Aber wir schätzen auch die Sauberkeit im Haus sobald er wieder abgeholt wird. In seinem Fell scheint sich der halbe Wald zu verfangen. In jedem Tümpel oder Bach suhlt er sich. Trotz der obligaten Dusche nach dem Spaziergang fühlt sich unser Wohnzimmerboden mit Camillo wie ein Sandkasten an.
Camillo dort, wo er am liebsten ist: draussen.
Camillo dort, wo er am liebsten ist: draussen.

Hunde sind bereichernd, aber ...

Nach der ersten Woche zogen wir Bilanz: Anna hatte wenig Interesse an Camillo, unser Sohn knuddelte ganz gerne mit ihm und wir, die Eltern, erledigten die ganze Arbeit. Obwohl Camillo ein ausgewachsener Hund ist, dachte ich manchmal tatsächlich, ich sei zurückversetzt worden in die Zeit, in der die Kinder klein – und sehr intensiv – waren. Gassi gehen mit Camillo, dann schnell die Hausarbeit erledigen, um kurz darauf wieder mit seinen Frischluftansprüchen konfrontiert zu werden.

Natürlich hatte auch keiner von uns einen Schimmer von Hundehaltung, geschweige denn -erziehung. Nicht wir führten Camillo, sondern er uns. Mit der Zeit ging es etwas einfacher. «Nein, Camillo, jetzt nicht!», hielt ich des Hundes Drängen stand, während das schlechte Gewissen an mir nagte. Typisch Mama eben. Der Frühling, und mit ihm Camillos Lust auf Hündinnen, zog ins Land. Schweissüberströmt joggte ich hinter dem Hundekavalier her, der nur ein Ziel hatte: Das süsse Pudelmädchen einen Kilometer vor uns.
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Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Insgesamt fünf Wochen war Camillo unser Gast, verteilt auf ein halbes Jahr. Danach sprachen wir mit den Hundebesitzern: Mit einem lachenden und einem weinenden Auge gaben wir ihnen bekannt, dass wir unser Hundeprojekt beenden.

Der ganzen Familie war nun klar, dass ein Vierbeiner viel Aufwand bedeutet und wir manches anders organisieren müssten, um einem Hund ein artgerechtes Leben zu bieten. «Ist es okay für dich, wenn wir das Thema nun abschliessen?», fragten wir unsere Jüngste. «Ja», sagte sie lächelnd, «ich kann mir ja immer noch einen Hund zulegen, wenn ich erwachsen bin».

Checkliste: Hund ja oder nein?

  1. Haben wir genügend Zeit für den Hund?

  2. Wer kümmert sich um den Vierbeiner?

  3. Sind alle Familienmitglieder mit dem Kauf einverstanden?

  4. Ist die Wohnung oder das Haus geeignet für die Hundehaltung?

  5. Ein Hund bedeutet Auslagen, z. B. für Futter oder Tierarzt. Haben wir das nötige Budget dafür?

  6. Wo können wir den Hund unterbringen, wenn wir verreisen?

  7. Möchten wir einen Welpen (aufwendiger) oder ein erwachsenes Tier?

Es muss übrigens nicht unbedingt ein eigener Hund sein. Vielleicht ist die Nachbarin glücklich, wenn sie ihren Vierbeiner mal abgeben kann. Gute Ferienplätze für Hunde sind zudem rar – sicher findet sich via Internet oder Inserat jemand, der einen Ferienplatz benötigt für seinen Hund.

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