Elternblog

Ein Plädoyer für Vintage-Vergnügen

Peppa oder Kasperli? Sylvanian Families oder Eiskönigin Elsa? Pingu statt Paw Patrol? Ein Plädoyer für Vintage-Vergnügen für Kinder – inklusive einer gewissen Portion Mitleid
Text: Florina Schwander
Schülihüli ist mein Held. Noch heute muss ich grinsen, wenn der Schlossgeist bei uns durch die Sonos-Box heult. Kasperli läuft bei uns heiss. Meine Älteste amüsiert, beruhigt und inspiriert sich mit den «Lusergeschichten» und auch die jüngeren Brüder flöten fröhlich mit: «Tlatlatlallalla». Kasperli schürt die Schadenfreude über den dummen Velochlaui und erweitert das Weltbild: «Mama, fahren wir auch mal nach Afrika? Zum Häuptling Krambabuli?»

Kasperli macht längere Autofahrten absolut aushaltbar und auch der welsche Mann lernt immer wieder den ein oder anderen Schweizerdeutschen Ausdruck dazu.  Nur meine mühsam aufbewahrten Kassetten haben ausgedient, Kasperli läuft heute über Spotify. Zusätzlich zu meiner Freude am Vintage-Vergnügen meiner Kinder schwingt aber auch immer eine Portion Mitleid mit. 

Die Kinder von heute ... nur vor dem Handy?

Mitleid mit den Kindern, nämlich. Mitleid mit ihrem Image, genauer gesagt. Zu viel Screentime hier, zu viel Disney da. Niemand spiele mehr richtig, heisst es, schon Babys scheinen süchtig nach Fortnite. Ich will hier nichts verharmlosen – natürlich bin auch ich der Meinung, man sollte als Eltern mit seinen Kindern einen verantwortungsvollen Umgang mit Bildschirmmedien und anderen neumodischen Spielsachen üben. Allerdings nerve ich mich über das einseitige Verteufeln und die Darstellung, im Kinderzimmer finde alles nur noch über einen rechteckigen Bildschirm statt. 

Ich behaupte: Jedes Kind spielt doch immer noch gerne mit der Briobahn, Lego und Duplos. Und eben, es gibt nicht nur Paw Patrol am TV, sondern eben auch Kasperli zum Zuhören. Die Schlieremer Chind und nicht nur die Schweizergoofen. Heidi? Papa Moll? So viele Kinderbücher sind totale Klassiker. Gerade sind auch meine alten Globi-Bücher wieder hoch im Kurs. Beim Erzählen erlebe ich ein Flashback meiner Gefühle als Kind, als ich die Globis vor- und zurückdurchblättert habe. Globi ist mein Mami-Botox. 
Ich plädiere hier nicht für null Fernsehen oder null Marketing-Artikel grosser amerikanischer Firmen. Ich meine, wir sollten uns und unseren Kindern auch mal etwas grosszügig gegenübertreten. Es ist nicht alles schwarz weiss, nicht alles nur böse. 
Klar, werden Sie jetzt sagen, meine Kinder sind ja noch klein. Sicher. Aber ich freue mich schon auf die drei ??? und TKKG. Oder auf Ducksli-Zeiten. Die lustigen Taschenbücher, Thorgal, Yoko Tsuno und viele andere Comics haben mich durch meine Teenager-Zeit begleitet und noch Anfang 20 lieh ich mir in der Bibliothek passend zum Literaturstudium hauptsächlich Comics aus. 
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Übrigens: Ich bin mir nicht sicher, welchen Lausbengel meine Kinder wählen würden, wenn sie wählen dürfen: Mascha auf dem Bildschirm oder Kasperli aus dem Lautsprecher. Das ist für mich aber auch völlig o.k., es ist eben kein entweder oder, sondern ein sowohl als auch. Und das ist auch o.k.so, potz Holzöpfel und überhaupt.

Bild: Pixabay

Florina Schwander, 38, ist Redaktorin, lebt in Zürich und hat eine knapp fünfjährige Tochter und zwei dreijährige Jungs. 

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