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Elternblog

Faust des Kosmos – oder die Wahrheit übers Gebären

Text: Michèle Binswanger
Illustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren
Dieser Blog-Eintrag ist für meine Freundin, die bald gebären muss und mich fragte, ob es wirklich so schlimm sei. Nun, nicht jede Geburt ist eine Taxi-Sturzgeburt, dauert 72 Stunden oder endet mit einem Nahtoderlebnis, weil sich die Gebärmutter nicht zusammenzieht. Leider aber, muss ich zugeben, sind auch konventionelle Geburten nichts für Weicheier. Was mich bei meiner Schwangerschaft am meisten überraschte, war, wie ein positiver Urintest so viele negative Folgen haben kann. Womit ich nicht mal die Stützstrümpfe, das saure Aufstossen und die allgemeine Schlappheit meine, sondern die Myriaden von Gefahren, die Schwangeren plötzlich zu drohen scheinen und die mit allerlei Tests eingedämmt werden sollen.  Ich kam mir vor wie der Einkaufswagen einer fröhlichen WG. Jeder darf etwas hineinwerfen. Kaufen Sie jetzt! Bezahlen Sie in neun Monaten! Und dann kam die schockierendste aller Fragen: «Wo wollen Sie gebären?» Gebären? Ist das nicht so eine Art Urban Legend? Dauert das nicht sowieso noch neun Monate? 40 Wochen? 
«Sind all diese Menschen, die hier so arglos herumspazieren, tatsächlich einmal geboren worden?»
Andererseits hatte ich auch keine Lust, auf dem Schragen zu enden wie die Gebärende bei Monty Python, die den Muttermund auf und die Klappe zuzumachen hat, damit die Maschine mit dem «Ping» besser zur Geltung kommt. Nein danke, sagte ich mir und meldete mich in einem Geburtshaus an. Die 40 Wochen erspare ich Ihnen. Nur so viel: Sie fühlten sich an wie eine Rückführung in eine frühere Existenz als Walross. Als der Geburtstermin näher rückte, gewannen gewisse Fragen an Dringlichkeit. Wie schlecht gemachte Untertitel legten sie sich über ganz alltägliche Tätigkeiten. Man fährt beispielsweise gerade seinen Bauch mit dem Velo spazieren, und da reihen sich auf der Strasse plötzlich Buchstaben zu Sätzen: Wie zum Teufel werd ich das schaffen? Sind all diese Menschen, die hier so arglos herumspazieren, tatsächlich einmal geboren worden? Wie sehr wird es schmerzen? Und vor allem: WAR DAS DA NICHT GERADE EINE WEHE?

Und dann kam er, der Tag aller Tage, der Geburtstermin. Ich war ganz der aufgeräumte Pfadfinder, hängte mein Ohr an meinen Uterus, um allfällige scheue Wehen in freier Wildbahn zu ertappen. Inzwischen ging die Sonne auf. Dann ging sie wieder unter. Geschehen war nichts. Der Tag war vorüber gezogen wie ein Schiff am Horizont und hatte mein verzweifeltes Winken ignoriert. Mein Kopf begann zu meutern. Weigerte sich, auch nur eine einzige Minute weiter auf diese blöden Wehen zu lauschen. Und der Körper eilte ihm zur Seite, trompetete seinerseits heraus, er sei des Wartens müde und werde erst mal keinen Schritt mehr tun, wenn es nun nicht endlich losgehe. Sagt er mir, der Verräter? Dabei ist doch alles seine Schuld. Ein Tag über Termin. Sengende Sonne. Nichts zu trinken. Und die Crew im Generalstreik. Was kommt nach Tag eins? Leere. Ein vertrocknetes Tal. 
«'Bloss nicht im Taxi gebären!' betete ich während der ganzen Fahrt.»
Dann kam Tag zwei. Ich hatte mich längst in mein Schicksal, immerwährende Schwangerschaft, gefügt. Und ich hiess mein neues Selbst willkommen, 20 Kilo schwerer, mit einer Neigung zu Wassereinlagerungen und unkontrollierbarer Flatulenz. Dann kam Tag drei. Es war der 11.9.2001, in New York wurden die Zwillingstürme wegrasiert. Vor Schreck überhörte ich den ersten kleinen Krampf in meinem Bauch. Und auch den zweiten, dritten, vierten. Alle weiteren Krämpfe der folgenden Stunden. Irgendwann begann ich zu hecheln. Mein Mann packte die Geburt bei den Eiern. Er rief ein Taxi. Der Fahrer war Inder und beobachtete mich so furchtsam im Rückspiegel, dass ich so zu tun versuchte, als sei alles in bester Ordnung. In den Wehenpausen stellte ich mich tot. Und die Wehen beatmete ich, indem ich die Idioten verfluchte, die den Verkehr verstopften. Was den Fahrer nicht merklich besänftigte. «Bloss nicht im Taxi gebären!» betete ich während der ganzen Fahrt. Und wurde erhört. 
Wehen: Als würde man gehäutet und dann einen Hang heruntergerollt.
Im Geburtshaus zog man mich aus, hängte mich an den Wehenschreiber und hievte mich dann in die Wanne. Jetzt waren die Wehen stark. Als würde man gehäutet und dann einen Hang heruntergerollt. Aber das Gute dran: es gab Pausen. Sie reichten zwar nicht, um eine Zigarette zu rauchen, aber ich rauchte sowieso nicht mehr. Dafür liess ich mir von meinem Mann die Stirn tupfen. Irgendwann sagte die Hebamme: pressen!

Ich kannte das aus Filmen und hatte trotzdem keine Ahnung, was sie meinte. Aber das machte nichts. Denn im selben Moment stiess von oben die Faust des Kosmos durch meinen Schädel in den Uterus und presste. Ich schrie. Noch ein Mal, sagte die Hebamme, gleich ist es soweit. Bevor ich mich fragen konnte, warum meine Foltermagd mich freundlich wie ein Käsebrot anschaute, kam wieder die Faust. Und noch mal. Und noch mal. Und dann war es vorbei. Ich dümpelte friedlich im Nirvana herum, als die Stimme meiner Peinigerin mich zurückholte. Gratuliere, es ist ein Mädchen, sagte sie und legte mir ein Bündel auf die Brust. Das Bündel hatte Augen. Und blickte mich argwöhnisch an. Ein Kind, wer hätte das gedacht? Mein Kind. Dies war der erste Tag meines neuen Lebens als Mutter. Ich habe ihn noch nie bereut. 
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Zur Autorin:

Michèle Binswanger ist studierte Philosophin, Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel.

© Tages-Anzeiger/Mamablog

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