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Elternblog

Die Katze hat uns im Sack

Text: Mikael Krogerus
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren
Wer versteht Katzen? Hund ist einfach. Du weisst, was du kriegst, wenn du einen, sagen wir, Bullterrier kaufst. Selbst ein Laie erkennt das geplagte Seelenleben eines getretenen Mischlings, die autoritäre Sehnsucht des Schäferhunds nach Befehlen oder das geduldige Gemüt des kinderlieben Bernhardiners. Lobe, streichle, spiele mit einem Hund, und er wird dich lieben. Erziehe ihn, und er wird dir folgen. Vernachlässige ihn, und er wird dich nerven. Der Hund ist das offene Buch unter den Haustieren.

Aber die Katze. Ihr Verhalten überschreitet unseren Horizont. Wie sie sich auf die Tastatur legt, wenn du etwas schreiben willst. Wie sie sich schwer macht, wenn du sie fortschieben willst. Die Gleichgültigkeit, mit der sie weggeht, wenn es ihr passt. Die Autonomie, mit der sie fortbleibt. Die Freiwilligkeit, mit der sie zurückkehrt!

Ein Pferd kannst du führen; die Katze ist frei. Den Hund kannst du bei seinem Namen rufen; die Katze wird dich ignorieren. Warum? Was sind die tiefer liegenden Gründe, die es ihr erlauben, über uns zu verfügen – und nicht umgekehrt?

Die Vorstellung, wir hätten die Katze im Laufe von Jahrtausenden domestiziert, ist absurd. Ich bin mir sicher, wäre das Tier grösser, es würde sich zuerst streicheln lassen und uns anschliessend zerfleischen. Denn kennt nicht jeder Katzenhalter die Momente, in denen das Haustier zum Raubtier wird: Plötzlich schreckt es auf und blickt nervös um sich, als sähe es alles zum ersten Mal. Wie eine Mikroversion des bengalischen Tigers macht es sich auf die Jagd nach einem Staubfusel, einem tropfenden Wasserhahn, seinem Bruder oder dem eigenen Schwanz. Bis der Anfall langsam wieder abklingt und die Katze sich, auch hier einem Raubtier nicht unähnlich, in der Sonne ausstreckt. Wie sie geniesserisch daliegt, schamlos auf den Rücken gedreht, angstfrei ihr entzückendes Bauchfell entblössend. Oder gemütlich zusammengerollt, den Schwanz um die eigenen Pfoten gelegt, als könne sie, wozu wir nicht imstande sind: sich selber mögen.

Ach, und wenn sie dir dann schliesslich mit ihrem sirenenhaften Schnurren mitteilt, dass es jetzt erlaubt ist, sie zu streicheln. Und wie dieses Schnurren dir den Kopf verdreht, bis du ihr alberne Sachen ins Ohr raunst und dein Gesicht in ihr warmes Fell tauchen willst. Sie ist dir überlegen. Sie macht dich gefügig. Sie stellt dich vor Rätsel. Sie raubt dir den Verstand. Jedes andere Haustier braucht dich; aber du brauchst die Katze.

Die Katze hat, man kann das nicht anders sagen, therapeutische Fähigkeiten. Sie spiegelt den Charakter ihres Besitzers besser als jeder Psychoanalytiker. Sie löst die härtesten Knoten in den Seelen frustrierter Teenager. Selbst der übergriffigen Begeisterung einer Achtjährigen («Jöö, du bist so herzig») begegnet sie mit dem stoischen Phlegma eines Koi-Karpfens.

Was ich sagen will: Wir haben zwei neue Mitbewohner.

Mikael Krogerus ist Autor und Journalist. Heute lebt der Finne, Vater einer Tochter und eines Sohnes, in Biel und schreibt regelmässig für das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi und andere Schweizer Medien.


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