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Elternblog

Das schönste Geschenk

Was das Geburtstagsgeschenk für ihren Sohn mit dem Tod des Popstars Prince zu tun hat. Eine Kolumne von Michèle Binswanger.
Text: Michèle Binswanger
Illustration: 
Petra Dufkova/Die Illustratoren
Manche Todesnachrichten berühren einen seltsam. Es war ein Donnerstag, ich kam von der Arbeit nach Hause. Mein Sohn, der am Nachmittag im Gitarrenunterricht gewesen war, schrummte mir einige Akkorde vor. «Kennst du das?», fragte er. Es war «Purple Rain» von Prince. Wenige Stunden später verbreitete sich über die neuronalen Kommunikations-netzwerke des Internets die Nachricht, dass der Popstar gestorben sei. Das war ein Schock. Wie alle, denen Prince und seine Musik etwas bedeutet hat, konnte ich es erst nicht fassen. Ich hängte mich ins Netz, um an Informationen zu kommen und meine Gefühle zu teilen. Ich hörte seine Musik, die meine Musik gewesen war, und weinte dazu ein bisschen. Prince war erst 57 Jahre alt gewesen, zwei Jahre jünger als mein Vater bei seinem Tod. Und wie immer bei einem mir nahegehenden Todesfall weinte ich auch ein bisschen um meinen Vater. 

«Manche Todesnachrichten berühren einen seltsam.» 

Meine Kinder sahen mich verwundert an. «Prince ist gestorben!», erklärte ich und verwarf die Hände. «Ach? Na sowas!», sagten sie. Dann wandten sie sich wieder ihren Beschäftigungen zu. Jede Generation hat ihre Helden. Am nächsten Tag kam meine Tochter aus der Schule und sagte: «Meine Kollegin erzählte, ihre Mutter sei total ausgetickt wegen Prince.» Als ich so alt war wie meine Tochter jetzt, war ich total in Prince und seine Musik verliebt. Sie war alles für mich, eine wortlose Antwort auf die alles beherrschende Frage jener Zeit: Wer bin ich, was soll ich hier, und was ist mit dieser Sache, genannt Leben, anzufangen? Seine Musik sagte: «Kiss» und «Lets go crazy!» und «Sign of the Times». Sie war Hoffnung und Zukunft. Und jetzt ist diese Zukunft Vergangenheit, und wir Teenager von damals sind die Eltern, die den Tod ihrer Idole betrauern. Tags darauf, ein Samstag, feierten wir den Geburtstag des Sohnes. Wir frühstückten mit Freunden, es gab Geschenke und Kuchen, später gingen wir ins Schwimmbad. 

Seine Musik sagte:
 «Kiss» und «Lets go crazy!» 

Vor dem Ins-Bett-Gehen resümierten wir den Tag. Wir sprachen über die Nacht, da mein Sohn geboren worden war, über sein neues Leben als Zwölfjähriger. «Was bleibt eigentlich von uns, wenn wir sterben?», fragte er. Ich redete etwas von Kunst, welche die Menschen schaffen, dem Wissen, das weitergegeben wird, der Erinnerung, die in den Hinterbliebenen weiterlebt. Aber er sagte: «Ich meine ganz konkret. Das Fleisch wird wieder zu Erde, nicht? Und vielleicht bleiben ein paar Knochen, denn die verrotten nicht so gut.» Was bleibt am Ende? Erinnerungen? Musik? Einfach ein paar Knochen, Erde zu Erde, Staub zu Staub? Der Sohn sagte: «Am Geburtstag muss ich immer daran denken, dass mich jede Sekunde, die ich lebe, dem Tod näher bringt.» Ich nickte. Dann bat ich ihn, mir noch einmal «Purple Rain» vorzuspielen. Er spielte und sang dazu. Dann sagte er: «Das grösste Geschenk habe ich von dir bekommen.» Es war ein Bürostuhl, nicht gerade der Jackpot. Er zwinkerte mir zu. «Du hast mir das Leben geschenkt.» Am Ende bleibt Liebe. Sie ist das schönste Geschenk.

Zur Autorin:

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Michèle Binswanger. Die studierte Philosophin ist Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel.

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1 Kommentar

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Von Ruth am 06.06.2016 09:16

Eine wunderbarer, berührender Artikel! Danke dafür! Liebe Grüsse, Ruth

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