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Elternblog

Das leise Glück einer Paarbeziehung

Text: Michèle Binswanger / Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Es ist verdammt schwer, Glück in Worte zu fassen. Schwerer jedenfalls, als seinen Frust und seinen Unwillen hinauszuschleudern und lauthals zur allgemeinen Kakophonie der Missmut beizutragen. Es liegt wohl in der Natur des Glücks, das eher still, geheimnisvoll, widerständig ist. Aber mit geeigneten Methoden kann man es zum Reden bringen.

Also: warum eigentlich eine Beziehung? Warum Bindung, wenn der Zeitgeist nach allem, immer, überall verlangt? Beziehung. Ehe. Zweierkiste. Tönt nicht besonders sexy, ja, schmeckt sogar leicht abgestanden, wie ein Bier, das von der Party übrig bleibt. Eigentlich komisch. Schliesslich funktioniert die Liebe als ewiges Versprechen. Und was ist ein Versprechen wert, das nicht zumindest versuchsweise eingelöst wird?

Menschen sind im Grunde wie Kunst, Musik, Literatur. Es gibt viel schlechte und wenig gute. Und dann gibt es jene Werke, die aus allen anderen herausleuchten. Jene, zu denen man immer wieder zurückkehrt, die man immer weiter ergründen will. So ist es auch mit Menschen. Einige ziehen uns an, erweisen sich dann aber als zu andersartig, fremd, uninteressant. Ihre Wahrheit bleibt verschlossen. Andere lassen einen jahrelang nicht los.
Es sind jene, mit denen wir schliesslich Bett, Werte, Worte und Geschichte teilen. Und das Glück einer funktionierenden Zweierbeziehung erfahren können. Deshalb hier also sechs Gründe, warum Paarbeziehungen besser sind als ihr Ruf.
Und letztlich sind es die Abgründe, die dem Kunstwerk Mensch die Tiefe geben.
  1. Weil es den Horizont erweitert, wenn man sich mit einem anderen zusammenschliesst. Weil man von jemandem, den man liebt, viel lernen kann.
  2. Weil es gut ist, einen Freund zu haben. Was ist ein Freund? Jemand, dem man vertraut. Den man respektiert. Dessen Unzulänglichkeiten man verzeiht, weil er einen inspiriert.
  3. Weil man mit der Zeit ziemlich genau weiss, mit wem man sich anlegt und zwar nicht nur an der Oberfläche, sondern dort, wo es interessant wird, in den Abgründen. Und letztlich sind es die Abgründe, die dem Kunstwerk Mensch die Tiefe geben.
  4. Weil man neue Dimensionen erfahren kann. Zum Beispiel was Kommunikation betrifft. Als Paar mutiert man zu einer Art kommunikativem Superhumanoid, der grösstenteils unbewusst, fast telepathisch co-funktioniert. Weil man nicht mehr sprechen muss, wenn es nichts zu sagen gibt und sich trotzdem versteht. Und wenn man spricht, kann man von niemandem ein ehrlicheres Feedback erwarten kann als vom Partner.
  5. Weil Funktionen optimiert werden. Zum Beispiel Sex. Ist er gut, hat man beste Chancen, dass er noch besser wird. Ist er schlecht, hat man von Anfang an ein entscheidendes Detail ausser Acht gelassen.
  6. Weil man zu zweit stärker ist als alleine. Weil grössere Stärke erlaubt, grössere Projekte zu verfolgen. Zum Beispiel, Kinder zu kriegen. Weil eine Beziehung Halt gibt, Wurzeln treibt und schöne Früchte tragen kann, Früchte, die die eigene Geschichte weitertragen.
Und nächstes Mal nenne ich Ihnen 500 Gründe, warum man sich ja nie auf eine Beziehung einlassen sollte.
 
 

Zur Autorin
Michèle Binswanger ist studierte Philosophin, Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel.

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