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Elternblog

Böse Games: Wenn Eltern immer schuld sind

Der Fall Paul, ein Zwölfjähriger, der unbeaufsichtigt Minecraft spielte und im Chat in die Fänge eines Pädophilen geriet, empört die Moralisten. Denn schuld sind, wie immer, wenn in Kinderdingen etwas schief läuft, wir selbst: die Eltern.  
Text: Claudia Landolt
Der Fünftklässler Paul spielte leidenschaftlich gerne Onlinegames, am liebsten Minecraft. Als er verschwand, stiessen die Ermittler rasch auf den mutmasslichen Entführer des Zwölfjährigen. Dieser Mann aus Deutschland kontaktierte den Jungen über die Chatfunktion des Games, wie die Polizei anlässlich der Pressekonferenz mitteilte. Auch zwei Wochen nach Bekanntwerden des Falles ist noch wenig Konkretes über die Art und Weise bekannt geworden, wie Paul den Mann kennenlernte, um dessentwillen er sein Elternhaus verliess, in der Absicht, seinen vermeintlichen Game-Kumpel zu besuchen. 

Sollen Onlinegames verboten werden?

Ein Junge, der über Games einen mutmaslichen Pädophilen kennenlernt: Das ist das Angstszenario schlechthin. Denn es beinhaltet zwei Unwägbarkeiten, vor denen alle Eltern zittern: Einen Menschen, der ihren Kindern Böses will. Und das Internet, dieses unkontrollierbare Monstrum,  das die Erziehung vor nie dagewesene Herausforderungen stellt.
Diese doppelte Katastrophe wird von den Medien in extenso aufgenommen. «Sollen Onlinegames von Eltern verboten werden?», diskutierte etwa 20 Minuten. Im Tagesanzeiger forderte ein Experte gar eine Cyberpolizei. Und der Blick fragt: «Ab wann ist Minecraft gefährlich?» In den Lesermeinungen positionierte sich kurz darauf eine wohlbekannte Gattung: die Kommentar-Trolle. «Man sollte auch die Eltern dran nehmen, viele junge Mütter wollen Kinder, aber keine Verantwortung», heisst es da etwa. Oder: «Mit 12 sollte noch jede Mutter über sein Kind Macht haben, sonst ist was falsch gelaufen.« Und weiter: «Es ist unverantwortlich Kinder stundenlang unbeaufsichtigt im Internet surfen zu lassen.» 

Die Schuldigen im Fall Paul sind rasch gefunden: seine Eltern. Sie seien zu schwach, um ihren Kindern Grenzen zu setzen – und den Computer zu beschlagnahmen, das Gamen zu verbieten, und überhaupt, vier Stunden Surfen - gehts noch? Schnell werden aus Pauls Eltern «Eltern» generell. Die Stimmen, die Eltern pauschal Versagen vorwerfen, mehren sich nicht nur in Lesermeinungen oder thematischen Auseinandersetzungen. Auch gestandene Experten kritisieren die Erziehung der Generation Internet. Jüngstes Beispiel: Die Wiener Jugendpsychologin Martina Leibovici-Mühlberger. Sie sehe eine Generation von Narzissten jenseits von Zucht und Ordnung heranwachsen, schreibt sie in ihrem neusten Buch.
Man kann den Nachwuchs nicht mehr so behütet aufwachsen lassen, wie wir es selbst waren. Dazu hat sich die Welt zu sehr verändert.

Denn schuld sind immer die Eltern

Kulturpessimistische Aussagen wie diese im Zusammenhang mit Erziehungsfragen erlaubt auch das Wiedergeben von verpönter Semantik. Zucht und Ordnung beispielsweise stammen ursprünglich aus dem christlichen Kontext, gelten aber seit dem zweiten Weltkrieg als zu totalitär und untertänig. Trotzdem werden sie in den rund 16.535 verfügbaren Elternratgebern (Quelle: Amazon) immer wieder verwendet. Allen liegt mehr oder weniger derselbe Subtext zugrunde: Dass Eltern in jeder Sekunde genau wissen müssen, was ihr Kind tut, und welche Gefahr dabei direkt oder indirekt drohen könnte. Auch davor soll das Kind in jedem Falle bewahrt werden. Wir Eltern müssen, so das Credo, unsere Kinder nicht nur von dem unbekannten Mann, der im Auto vor der Schule auf sie warten könnte, warnen, sondern auch noch vor dem Mann, der im Netz auf sie lauern und sich dabei als Kind ausgeben könnte. Kinder unbeaufsichtigt online spielen zu lassen, ist verwerflich und veranwortungslos. 
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Sämtliche Elternpolizisten dieser Welt haben im Fall Paul vier Dinge vergessen: Dass erstens sämtlicher Regelkatechismus zum Umgang mit den neuen Medien in der Umsetzung schlicht zu vergessen ist. Denn die 30 oder 60 Minuten Medienkonsum pro Tag, die Kinder im Alter Pauls erlaubt sind, funktionieren nur in der Theorie. Denn oft geht eine Stunde pro Tag schon mit Whatsapp-Klassenchats, Internet-Recherchen für die Hausaufgaben, Nachrichten hören oder sehen, Videos gucken oder – aktuell – Fussballmatches weg. Und sie unterschätzen die Medienkompetenz der Kinder. Laut der JAMES-Studie 2014 nämlich nutzen 77.4 Prozent bis 85 Prozent der 12- bis 17-Jährigen die Möglichkeiten zur Privatsphäreneinstellung und überprüfen diese auch regelmässig.

Zweitens bedingt die Durchsetzung eines regelkonformen Medienkonsums nicht nur ein stahlhartes Nervenkostüm, sondern auch einen strammen elterlichen Fundus an stalinistischen Drillmethoden. Denn in keiner anderen Domäne kommt es mit vorpubertären und pubertärem Nachwuchs zu mehr Diskussionen als über Smartphone, iPad und Co. Es gibt Eltern, die mit ihren Kindern in dieser Sache täglich streiten. Morgens, mittags, abends, Stundenlang und über Monate! Die jeden Tag kontrollieren, ob das iPad nicht vielleicht doch unter der Bettdecke versteckt liegt oder das Handy heimlich im Turnbeutel mitgenommen wurde. Dass dies der Eltern-Kind-Beziehung in der kostbaren Zeit, die Eltern und Kinder gemeinsam verbringen, nicht unbedingt förderlich ist, ist den Regelanhängern egal. Aber vielleicht nicht allen Eltern – zumindest jenen, die den Grundsatz vertreten, dass eine Beziehung auf Vertrauen basiert. 

Pubertät heisst Regeln brechen

Drittens bedarf die Kenntnis der Spiele, die unseren Nachwuchs begeistern, einiges an Zeit und Aufwand. Selbst bei Minecraft, das nicht zu den komplexesten Onlinegames gehört, aber immens populär ist, und laut Zischtig, der Verein «für Sicherheit und Medienkompetenz», von rund einem Drittel aller Schweizer Primarschüler gespielt wird. Es kennenzulernen und durchzuspielen ist weitaus zeitaufwändiger, als einen Spielfilm zu gucken, eine komplette Runde Monopoly zu spielen oder eine neue CD zu testen. Bei komplexeren Spielen brauchen selbst gameaffine Eltern mindestens einen halben Tag, allein nur für das Kennenlernen der Charaktere. Wie realistisch ist es also für Eltern schulpflichtiger Kinder, einen ganzen Tag mit ihrem Nachwuchs vor der Kiste zu sitzen? Und selbst dann weiss man nicht, wie sich die Tochter oder der Sohn in Info-Chats im Spiel verhalten, auch wenn sie die Regeln kennen.

Viertens bedenken die meisten Ratgeber in dieser Sache nicht, dass die Kernaufgabe der  Pubertiere ja gerade darin besteht, die Regeln – auch die des Medienkonsums und des Verhaltenskodex im Netz – in vollster Absicht zu brechen, gerade weil man es nicht soll. Kontrolle in der Pubertät ist eine Sache der Unmöglichkeit, ausser man hat Kontakte zur CIA und NSA. Man kann den Nachwuch nicht mehr so behütet aufwachsen lassen, wie wir 35- bis 45-Jährigen Eltern es gewohnt waren. Die Welt hat sich zu sehr verändert. Es dennoch tun zu wollen, laugt einen zu sehr aus. 
Und vor lauter Verunsicherung ob der öffentlichen Einmischung in unsere Familienleben vergessen wir darüber leicht, was eigentlich der Sinn der Kindererziehung ist. Jesper Juul, der grosse Mann der Familienpsychologie, weiss es: «Was unsere Kinder in der Pubertät brauchen, ab 12, 13, 14 Jahren, ist eigentlich nur das: zu wissen, auf dieser Welt gibt es einen oder zwei Menschen, die wirklich glauben, dass ich ok bin. Das brauchen sie. Viele von uns haben keinen solchen Menschen in unserem Leben. Mit einem kann man gut überleben, mit zwei kann man wunderbar leben.» 

 Diese Tipps von Pro Juventute können wir unseren Kids weitergeben: 

  • Gib persönliche Daten (Name, Alter, Wohnort etc.) niemals ohne Absprache mit deinen Eltern bekannt
  • Benutze im Chat nur Fantasienamen und auch keine Kombinationen mit Vornamen und Geburtsmonat oder Wohnort
  • Webcam, Facetime etc. nur für Personen freigeben, die du auch wirklich persönlich kennst
  • Wenn du ein komisches Gefühl in einem Chat hast, brich den Chat sofort ab
  • Glaube nicht alles, was du im Netz liest oder hörst und spreche mit deinen Eltern oder einer Person deines Vertrauens darüber
(Auszüge aus dem Infoblatt der Pro Juventute für Kinder und Eltern)

Zur Autorin

Thumbnail claudia landolt
Claudia Landolt hat lange gezögert, ihrem ältesten Sohn ein Smartphone zu kaufen. Irgendann tat sie es doch. Und gibt gerne zu: Sie hat die ganze Sache unterschätzt. Was aber nicht heisst, dass sie es nicht wieder täte.

Bild: Fotolia

Weiterlesen:

Nur wer mitspielt kann auch mitreden, findet unser Games-Experte Marc Bodmer.

2 Kommentare

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Von Sylvia am 18.07.2016 14:30

Liebe Frau Landolt
Ihr Artikel ist ausgezeichnet und widerspiegel genau die Realität, die man als (hauptbetreuende) Mutter erlebt. Vielen Dank für das Gefühl, nicht die einzige "schwache" Mutter zu sein.

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Von Angela am 13.07.2016 19:45

Liebe Frau landolt, nie zuvor habe ich entlastendere Zeilen lesen dürfen.
Die meisten von uns möchten insbesondere bei diesem Thema verantwortungsbewusst handeln und unseren Heranwachsenden einen vernünftigen Umgang mit den allgegenwärtigen, omnipräsenten Medien nahelegen. Und man scheitert fast täglich. Das schlechte Gefühl, die Kontrolle stets mehr zu verlieren macht ohnmächtig, man ist sich der Wichtigkeit dieses Themas vollumfänglich bewusst, und täglich liest man Artikel und Abhandlungen von Leuten, die einem ins Gewissen reden und ach so perfekt wissen, wie wir Eltern es anzugehen haben, uns ins Gewissen reden und jegliche Toleranz verteufeln. Man könnte dran zerbrechen!!
Wir kommen nicht dran vorbei, unsere Vorstellungen von Erziehung in gewissen Belangen auszuweiten, zu dehnen. Den Zeitgeist erkennen, danach handeln und dabei die Beziehung zu den Kindern nicht mehr belasten als nötig- das ists heute gefragt. Wir müssen und dürfen uns bei diesem Thema als Eltern vom Druck und vom Vorwurf des "Versagens" etwas lösen- wissend, wie anspruchsvoll die heutige Zeit in dem Belang geworden ist.

Danke, Claudia Landolt!

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