Elternblog

Kunst statt Nostalgie

Unsere Kolumnistin über eine wunderschöne Tradition, die sie mit ihrer Mutter pflegt. Und die vielleicht auch ihre Tochter irgendwann übernehmen wird.
Text: Michéle Binswanger
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Es gehört zu den schönen Traditionen, die ich seit dem Tod meines Vaters mit meiner Mutter pflege, dass wir gemeinsam Kunstausstellungen besuchen. Obschon ich aus einer kulturbeflissenen Familie stamme, erstaunt mich meine Freude an diesen Ausflügen selber ein bisschen. Denn so sehr ich Kunst liebe, so anstrengend kann sie auch sein. 

So empfand ich das auch schon als Kind: Wenn wir nach Griechenland oder Spanien zum Zelten fuhren, wurde das bildungsbürgerliche Programm nie vernachlässigt. Regelmässig verkündete man uns Kindern, es stehe nun ein Ausflug zu einer kulturellen Stätte an, wobei unser Interesse, durch zerfallene Ruinen zu stapfen und in antiken Tempeln den Spuren einer längst vergangenen Zeit nachzuforschen, noch kaum ausgeprägt war. Unsere Eltern lockten uns mit dem Versprechen, dass wir uns danach wieder am Strand austoben dürfen. 
«Indem wir Traditionen aufrechterhalten, gedenken wir auch meines Vaters, ihres Ehemannes, den wir beide immer noch in uns tragen und vermissen.»
Die Jahre meiner Kindheit sind mittlerweile beinahe so versunken wie die Antike selbst. Mein Hang zur Nostalgie ist nicht besonders ausgeprägt, die Stätten meiner Kindheit oder Jugend besuche ich nur selten, es macht mich melancholisch; man begegnet dabei nur der gnadenlosen Gleichgültigkeit der fortschreitenden Zeit und der Arroganz einer Gegenwart, die sich dem Vergangenen überlegen fühlt, obschon sie das gleiche Schicksal ereilen wird.

Anstatt die Stätten meiner Kindheit zu besuchen, pflege ich meine Nostalgie also lieber anhand gegenwärtiger Ereignisse, wie einer Kunstausstellung, die ich mit meiner Mutter besuche. Sie führen uns nicht nur in die Vergangenheit des Künstlers, sondern auch in unsere eigene. Kunst ist unsere Zeitmaschine. 

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