Elternblog

Der beste Ratschlag meines Lebens

Leben Sie eigentlich dort, wo sie sich wohlfühlen? Oder dort, wo eben Ihre Arbeit ist? Unser Autor Mikael Krogerus hat eine wichtige Weisheit von seinem Onkel mitgenommen.
Text: Mikael Krogerus
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren
Den besten Ratschlag meines Lebens erhielt ich von meinem Onkel. Er ist nicht mein echter Onkel. Er ist der Mann der Mutter meiner Stiefmutter (ich komme aus einer, sagen wir, etwas postmodernen Familie). Aber um es einfacher zu machen, war er in meiner Vorstellung immer mein Onkel. Ein Onkel, wie jeder ihn haben sollte: ein etwas konservativer, sehr erfolgreicher Geschäftsmann, aber zugleich einer der lustigsten Menschen, die ich je kennengelernt habe. 

An Weihnachten gab er jeweils den Weihnachtsmann und gegen Ende des Essens, als wir Kinder langsam unruhig wurden und aus dem Fenster in die verschneite Landschaft spähten, erhob er sich unauffällig vom Tisch – und kurz darauf klopfte der Weihnachtsmann an die Tür. Nachdem die Geschenke verteilt waren und der Weihnachtsmann einen Cognac bekommen hatte, fragte er mich jeweils: Wo ist denn dieser nette Kerl, dein Onkel?
«So einer war er. Ein Komiker, gefangen im Körper eines Managers.»
So einer war er. Ein Komiker, gefangen im Körper eines Managers.

Er war es auch, der mir den besten Ratschlag meines Lebens gab. Ich war 14 oder 15, als er mir in etwa sagte: Wenn du nicht weisst, was du mit deinem Leben anfangen sollst, ist es ein Fehler, zunächst zu entscheiden, was du tun möchtest, und dann an einen Ort zu ziehen, wo du das tun kannst. Wähle stattdessen einen Ort, der dich interessiert, und gehe dorthin. Deine Karriere wird sich schon irgendwie entwickeln, der Ort nicht.

Der Vorschlag wirkt etwas kontraintuitiv. Sollte man nicht lieber erst mal das finden, was man wirklich will und dann einen Ort suchen, an dem man diesen Job ausüben kann? Was nützt die beste Stadt der Welt, wenn man dort nichts zu tun hat?

Ich erinnere mich nicht daran, ob ich meinen Onkel mit diesen Fragen konfrontiert habe, ich weiss nur noch, dass ich seinen Rat kurz darauf radikal umsetzte. In den nächsten zwanzig Jahren wohnte ich in zehn verschiedenen Städten in sechs verschiedenen Ländern. Zuhause überall und nirgends.
«Es ist verdammt schwierig, Wurzeln, die man geschlagen hat, mitzunehmen.»
Zusammenfassend kann ich sagen: Es ist so, dass es verdammt schwierig ist, an einem Ort glücklich zu werden, den man nicht mag – sei es, weil einem die Kultur, die Energie, die Ausstrahlung einer Stadt nicht liegt oder weil man zu weit von Menschen entfernt ist, die einen interessieren oder einem am Herzen liegen. (Umgekehrt gilt aber auch: Es ist verdammt schwierig, Wurzeln, die man geschlagen hat, mitzunehmen.)

Wenn Ihr Kind sich also nach der Schule oder der Lehre entscheiden muss, weil es schon immer mal in Genf leben wollte, aber die Aussicht auf einen guten Job in seiner Heimatstadt hat, in der es sich aber unwohl fühlt – dann sollte es laut meinem Onkel nach Genf ziehen. Ohne Job. Ihr Kind wird das Problem lösen, wenn es die Energie spürt, die der neue Ort ihm schenken wird.

Ich möchte dem Ratschlag meines Onkels noch meinen eigenen hinzufügen: Wenn du doch in einer miesen Stadt gelandet bist, mach was draus. Denn es gilt immer: Die Party bist du selbst.

Was ist der beste Ratschlag, den Sie je erhalten haben?

Über den Autor Mikael Krogerus

Mikael Krogerus ist Autor und Redaktor des «Magazins». Er schreibt diese Kolumne im Wechsel mit Michèle Binswanger. Mikael Krogerus ist Vater einer Tochter ­und eines Sohnes. Er lebt mit seiner Familie in Basel.
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