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Elternblog

Auf der schiefen Bahn 

Text: Michèle Binswanger
Illustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren
Theoretisch rechnet man als Mutter mit einem solchen Erlebnis. Richtig darauf vorbereitet ist man trotzdem nie. Und so fiel ich aus allen Wolken, als an jenem Nachmittag mein Telefon klingelte. Am Apparat war der Vater meiner Kinder.
Er sagte: Rate mal.
Ich sagte: Was denn?
Er: Ich musste auf den Polizeiposten. Unseren Sohn abholen gehen. Er ist beim Klauen erwischt worden.

Ich bin eine mit zwei tollen Kindern gesegnete Mutter, sie haben noch nie wirklich Probleme gemacht. Deshalb war diese Situation neu, und in meinem mütterlichen Hirn kochten sofort panische Gedanken hoch: Mein Sohn, auf der schiefen Bahn! Ich wusste immer, dass er ein Filou ist. Wo soll das noch enden? Werde ich ihn dereinst im Gefängnis besuchen müssen? Haben wir als Eltern versagt?
Werde ich ihn dereinst im Gefängnis besuchen müssen? Haben wir als Eltern versagt?
Es gab auch einen weniger panischen Gedanken: Hurra, nun habe ich einen Grund, ihn ein paar Monate den Kompost leeren zu lassen! Aber der Vater versicherte mir in einem zweiten Telefonat, der Kleine sei sehr zerknirscht und er habe mit ihm bereits eine Strafe bestimmt: ein paar Stunden Velo putzen. Schade um die Komposthilfe. 

Trotzdem brauchte ich jetzt psychologische Unterstützung. Ich erzählte es meinen Schwestern, Freundinnen, Kollegen. Sie schienen es alle ziemlich locker zu nehmen. Die Schwester sagte: «Was hat er denn geklaut?» Ich wusste es nicht. Vor lauter Panik hatte ich vergessen zu fragen. Die Schwester fuhr fort: «Erinnerst du dich, wie wir im Vorschulalter mal in einem Laden ein paar Glitzerketten mitlaufen liessen und Mama sie zu Hause in der Schublade gefunden hat?» Ich erinnerte mich. Wir mussten alles zurückbringen und standen dann heulend und zitternd vor dem Filialleiter, dem die Szene offensichtlich höchst unangenehm war. Wir haben nie mehr gestohlen. 
Wir mussten alles zurückbringen und standen dann heulend vor dem Filialleiter. Wir haben nie mehr gestohlen.
Eine Freundin, selbst Mutter erwachsener Söhne, erzählte mir von ihrer Erfahrung. Ihr damals 13-jähriger Sohn hatte einmal bei einem Kollegen übernachtet, als sie einen Anruf von der Polizei erhielt. Sie solle ihren Sohn abholen. Er war mit dem Kollegen nachts auf eine Baustelle sprayen gegangen, bis ein Kastenwagen mit sechs Polizisten in Kampfmontur auftauchte und die beiden mitnahm. «Es war der Schock seines Lebens», lachte die Freundin. «Jetzt ist er Anwalt. Übrigens: Was hat dein Sohn denn geklaut?» Ich musste passen. Ein Freund schliesslich sagte: «Meine Güte, ist das nicht ein bisschen krass, gleich zur Polizei? Was hat er denn geklaut?» Ich wusste es immer noch nicht, fand aber, die Erfahrung auf dem Polizeiposten könnte vielleicht heilsam gewesen sein. 

Abends fragte ich endlich meinen Sohn, was er denn habe klauen wollen. Er berichtete mir beschämt, der Kollege und er hätten versucht, einen Scherzartikel zu stehlen. Einen Furzspray. Um der Lehrerin einen Streich zu spielen. Ich musste lachen. Vielleicht war das mit der Polizei ja tatsächlich etwas übertrieben, selbst wenn man Furzspray als eine Art Einstiegsdroge zu späteren Sprayereien versteht. Ich weiss nicht, ob ich jetzt auch auf eine künftige Anwaltskarriere des Sohnes hoffen kann. Aber stehlen wird er wohl so schnell nicht mehr.

Zur Autorin
Michèle Binswanger ist Philosophin, Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel. Sie schreibt regelmässig für das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi.

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