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Elternblog

An alle schlechten Eltern

Vatersein hat mich vor allem in einem Punkt verändert: Es hat mich verständnisvoller gemacht. Nicht gegenüber Kindern – Gott be­wahre! Da bin ich ungeduldiger, ja ungehaltener als früher. Nein, verständnisvoller gegenüber anderen Eltern.
Text: Mikael Krogerus
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Früher habe ich Eltern oft bewertet. Und mir ausgemalt, wie liebevoll, abenteuerlustig und verspielt ich dereinst mit meinen Kindern umgehen würde. Heute bin ich vorsichtiger. Wenn ich eine müde Mutter mit ihrem nörgelnden Kind in der Schlange an der Coop­-Kasse sehe und höre, wie das Kind schon wieder ansetzt: «Mami, i wott no Schoggi ...» – worauf die Mutter komplett die Fassung verliert und brüllt: «I wott, I wott, I wott – du kannst doch verdammt nochmal nicht immer nur wollen!». Dann denke ich nicht mehr im Bettina­-Wegner*­-Tonfall: «Es sind so kleine Kinder, die darf man nicht anschreien!» Nein, meine Sympathien sind bei der Mutter: «Was für ein grässliches, rücksichtsloses Kind!», denke ich. Manchmal werde ich innerlich richtig laut – «Rettet die Frau!» Natürlich würde ich nichts dergleichen sagen. Nicht mal denken. Aber wissen Sie, was ich meine?
Kinder machen nicht nur glücklich!
Neulich sah ich, wie ein Vater auf einer Bank vor dem Spielplatz nicht ein einziges Mal von seinem Smartphone aufblickte, als sein Kind ihn fragte: «Kann ich den Schnee essen?» Früher hätte ich gedacht: «Was ist denn das für ein Vater? Wenn ich einmal Kinder habe, werde ich ihnen jede Frage beantworten und ihre Augen öffnen für die Wunder dieser Welt.» Heute denke ich: «Lass den Mann in Ruhe und beschäftige dich selber.»

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe meine Kinder. Aber was kinderlose Erwachsene gern vergessen: Kinder machen nicht nur glücklich. Sie saugen dich auch aus. Sie können die schlimmsten Seiten in dir wecken. Und dich zum Gegen­teil von dem machen, was du eigentlich gerne wärst. Elternsein ist ein tägliches Scheitern, und ich finde, Eltern bekommen dafür zu wenig Verständnis.
Die Wirklichkeit können wir nicht planen, sondern nur in ihr leben.
Lange Zeit beeindruckten mich (scheinbar) perfekte Familien, in denen glückliche Kinder und stolze Eltern Hand in Hand durchs Leben spazieren. Ich fragte mich: Wie machen die das? Inzwischen frage ich mich: Was, wenn es vielleicht gar nicht gute Eltern sind, sondern bloss gute Kinder? Kinder, die einfach von selbst aufrichtig, engagiert und zufrieden geworden sind – und nicht weil ihre Eltern alles richtig gemacht haben? Niemand wird bestreiten, dass Liebe und Zuneigung für Kinder so wichtig ist wie Atmen und Schlafen, aber darüber hinaus, könnte es nicht sein, dass sie sich auch ein klein wenig autonom entwickeln, von ihrem Umfeld und ihrer Herkunft geprägt werden und nicht ausschliesslich von ihren Eltern?

Vielleicht stimmt das nicht. Aber in den schwärzesten Stunden meines Eltern­ seins ist es ein kleiner Trost, dass wir die Wirklichkeit nicht planen, sondern nur in ihr leben können.

*Bettina Wegner ist eine deutsche Liedermacherin und Lyrikerin. Ihr bekanntestes Lied ist «Kinder» (Sind so kleine Hände ...).

Zum Autor:


Mikael Krogerus ist Autor und Journalist. Der Finne ist Vater einer Tochter und eines Sohnes, lebt in Biel und schreibt regelmässig für das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi und andere Schweizer Medien.
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8 Kommentare

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Von Zimtstern am 16.08.2017 22:30

Mit Ihnen würde ich absolut gerne essen gehen!
Endlich ein Mann der mich / uns versteht!

Wann gehts los? Hab hunger...

> Auf diesen Kommentar antworten
Von Maja am 23.03.2017 17:15

Ein grosses Danke, Mikael Krogerus - genauso geht es mir auch!

Von Selma am 16.04.2017 16:39

Herrlich!

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Von Peter am 12.03.2017 09:44

Newsletter ich bitte haben

Von Fritz+Fränzi Redaktion am 12.03.2017 09:54

Guten Tag,
den Newsletter können Sie unter https://www.fritzundfraenzi.ch/service/newsletter/newsletter kostenlos abonnieren.

Liebe Grüsse und einen schönen Sonntag.

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Von Sandra am 09.03.2017 15:55

Ich weiss genau, was Sie meinen, Herr Krogerus. Vielen Dank für die richtige Dosis Humor! :-)

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Von ingrid am 06.03.2017 15:38

... tja, ich war sehr gespannt auf den Text, der nach dieser Überschrift auf mich wartete, denn ich war gerade Teil einer Familiengruppe mit 21 Erwachsenen und 7 Kindern zwischen 12 Monaten und 6 Jahren am Wochenende und habe es noch frisch in Erinnerung. Ich muss antworten, dass es KEINE schlechten Eltern gibt, sondern, dass es die verschiedenen Bedingungen und Aspekte sind, die einen als Eltern nicht perfekt ausschauen lassen...... für die anderen, wohl bemerkt. Ihr Satz: "Elternsein ist ein tägliches Scheitern, und ich finde, Eltern bekommen dafür zu wenig Verständnis." lässt mich ein wenig an Ihnen zweifeln, denn 1. gibt es kein tägliches Scheitern und 2. braucht niemand Verständnis, denn von denen sie Verständnis bekommen wollen, werden Ihnen bei Ihren Problemen nicht helfen, im Gegenteil. NUR SIE SELBST müssen mit sich ins Reine kommen und keine Vergleiche mehr anstellen und an sich arbeiten. Und noch etwas, das Leben mit Kindern ist tägliche Arbeit und beinhaltet Auseinandersetzungen mit dem Ist-Zustand und jeder sollte sich selbst erlauben auch mal NICHT perfekt zu sein. Gelassenheit und die eigenen Prioritäten überprüfen, das waren die beiden wichtigsten Punkte im Gespräch mit den Müttern und Vätern am Wochenende.

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Von Pia am 06.03.2017 10:45

Hallo
Endlich rückt mal jemand die Dinge ins rechte Licht! Gratuliere.

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