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Elternblog

Allein unter Männern: Einer kreischt immer

Wie es ist, als einzige Frau mit fünf Männern und einem Hund zu leben.
Text: Claudia Landolt
Foto: Gabi Vogt / 13 Photo
Nein, mein erstes Kind kam nicht in der Studentenzeit, sondern erst danach. Geplant und heiss ersehnt. Dann war mir schnell klar, dass es kein Einzelkind werden soll. Das gelang. Und irgendwie gab es denn immer einen Grund für das nächste Kind. Der Duft hinter dem Ohr. Das erste Lächeln. Die erste Kritzelei. So viel Oxytocin. Also wurde ich viermal schwanger. Ausschlaggebend war auch die Tatsache, dass ich nichts langweiliger finde als Tische, die nicht voll besetzt sind und also irgendwie immer nicht an Italien erinnern.

Nun, nach vier Kindern in acht Jahren, das Fazit: Es gibt keine Konstellationen. Alles ist flüchtig. Der jahrelange Schlafmangel hat sämtliche gespeicherten Regeln der Kombinatorik und logischen Mathematik vernichtet. Was bleibt, ist viel Wahnsinn, ein wenig Leichtigkeit und über die Jahre erprobte Gelassenheit.

Vor dem Frühstück spielen die beiden Kleinsten zusammen einträchtig Lego, nur um sich danach am Esstisch um den Honig zu streiten, während die beiden Grossen in einem mir rätselhaften Code über ein gemeinsam gelesenes Buch fachsimpeln. Wenig später, es muss vor Ablauf der Minimalzeit des morgendlichen Akkordzähneputzens sein, streiten sie sich. Ich höre den Ältesten mit Karacho die Türe zuschlagen, nicht ohne seinem 21 Monate jüngeren Bruder vorher zu drohen: «Ich verwürg dich!» Dieser lässt mich wissen, er nehme übrigens den längeren Weg zur Schule, weil er keinesfalls mit «diesem fiesen Idioten, der mich heute schon dreiundzwanzigmillionenmal geärgert hat», laufen will. Worauf der Dritte, ganz erprobter Fachmann, rät: «Gib ihm doch Zimmerverbot. Für immer! Und auch für seine Enkel!»

Ich befriede ein wenig, da es noch zu früh für Streit ist und mein inneres Selbst damit beschäftigt ist, das exponenziell ansteigende Endchaos möglichst im Keim zu ersticken. Worauf der Allerkleinste, mit drei älteren Brüdern über viel Standfestigkeit verfügend, mich fragt: «Walum stleiten die?» Worauf ich, schon relativ erschöpft, eher quantitäts- statt qualitätsbedingt antworte: Walumwalumwalum! Dalum!» Dann das Kind: «Kicheriki! Lustig! Nochmaaaal!» Spätestens jetzt wäre es Zeit für ein paar Schlucke Yogi-Tee. Geht aber nicht, weil der Hund mal muss.

Wer mich und meine Familie, also Frau, Mann, vier Kinder plus Hund, beim Einkaufen, im Museum oder im Café sieht und erfährt, dass ich nicht nur zu Hause arbeite, sondern auch noch in einem richtigen Büro mit Schreiben mein Geld verdiene, der sagt meist für eine Weile nichts mehr. Stille. Dann Trommelwirbel. Was wiederum mich zur Weissglut treibt. Denn es impliziert, dass Frauen mit vielen Kindern etwas Extraordinäres seien: Wie eine seltene Spezies, die man sich im Zoo anschaut: Da, schau, Wahnsinn, boah! Warum soll ich über mehr Nerven verfügen als andere Mütter, bloss weil ich mehr Wäscheberge zu bewältigen und Kindergeburtstage durchzustehen habe?

Es steckt immer ein bisschen Leichtsinn und Überforderung darin, Kinder auf die Welt zu stellen. Lange Jahre nicht durchzuschlafen, Impftermine zu vergessen und viel zu selten ins Kino zu gehen. Es ist in diesen Zeiten grundsätzlich schwierig, Kinder richtig zu erziehen und ihre Entwicklung angemessen zu fördern, egal ob ein, zwei oder sechs Kinder. Ich glaube, dass Liebe, Vertrauen und verlässliche Strukturen für meine Jungs das Beste sind: plus die Chance, ihre schrecklichen martialischen Phasen ausleben zu dürfen. Auch wenn manche meiner Nachbarn das archaische Geheul und geschätzte 243 selbst gebastelte Giftpfeile vor der Türe (originell, nicht?) noch so zum Würgen finden.

Der Jüngste geht bald in die Waldspielgruppe. Dann bleibt etwas Luft für mich und den Yogi-Tee. Als ich dem jüngeren Mittleren, dem armen Sandwichkind, nach dem in Minne verbrachten Mittagessen sagte, wir könnten dann mal wieder etwas zusammen machen, reagierte er zuerst freudig – weil es exklusive Stunden mit Mama und/oder Papa eigentlich nur am Geburtstag und zusätzlich einmal pro Jahr gibt. Ich sah, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Er wirkte irgendwie schockiert. «Wwwwie? Aber ich habe ja gar noch nicht Geburtstag, Mama, oder? Und nur wir zwei? Wird das denn nicht langweilig?»

Walum, walum vier Kinder? Genau dalum.

Thumbnail claudia landolt
Claudia Landolt 
Wünschte sich als behütetes Mädchen oft ein  paar laute Brüder für mehr Rambazamba in der Kleinfamilie. Das hat sie nun davon.


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