Erziehen nach dem Gärtnerprinzip - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Erziehen nach dem Gärtnerprinzip

Lesedauer: 1 Minuten

Unsere Kolumnistin Michèle Binswanger hält sich selbst für das Gegenteil einer Helikopter-Mama. Und staunt, dass ihre Kinder trotzdem ganz gut geraten sind.

Text: Michèle Binswanger
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren

Halleluja, ich habe die Ferien mit meinen beiden Teenagern überlebt. Ganz selbstverständlich ist das nicht, wie jeder weiss, der sich mit dieser Spezies auskennt. Es gibt Zeiten, da verhalten sich Heranwachsende wie apathische Lurche mit düster über ihren Köpfen wabernden Launen.

Oder aber sie sind so aufgedreht, dass man mit dem Gedanken spielt, sie mit einem gezielten Schuss aus dem Betäubungsgewehr niederzustrecken. Doch ich hatte Glück. Meine beiden Teenies waren die ganzen drei Wochen bei mir gut gelaunt, fröhlich, geduldig und sie halfen mit. Eine wahre ­Freude. Habe ich das verdient? Habe ich vielleicht doch etwas richtig gemacht?

Das beherrschende Gefühl mit kleinen Kindern ist oft, alles falsch zu machen. Wie viele Mütter martern sich nächtelang mit Gedanken an ihre Unzulänglichkeit. Sie glauben, zu ungeduldig zu sein, zu oft laut zu werden, zu viel nachzugeben, auch mir ging es so. Ich war immer etwas faul, was Erziehung angeht.

Ich habe kaum Bücher dazu gelesen und erzog nach dem Gärtnerprinzip: Boden bereiten, giessen, wachsen lassen. Der Boden bildet der verlässliche Rhythmus, feste Bezugspersonen, ein paar Regeln. Und dann muss man giessen: Essen, Trinken, ein warmes Bett und Liebe.

Ansonsten liess ich ihnen so viel Freiheit wie möglich – also das Gegenteil von Helikopter-Müttern. Auch wenn ich das Sprungtuch heimlich stets bereithielt, falls eines abstürzen sollte.

Etwa auf den Kinderspielplätzen mit ihrer speziellen Energie von Chaos und Aufregung.

Wenn der Sohn die Rutschbahn erklomm und dabei bedenklich schwankend aus seinem bewegten Leben referierte, während das aufmerksame Publikum, also ich, ihm aufgeregt bedeutete, sich festzuhalten, weil das obere Kind abzustürzen drohte. Er ignorierte das fröhlich, bis der ganze Kinderturm zusammenkrachte, ich nach ihm hechtete, ihn glücklich fing, derweil er munter weiterplapperte. Trotzdem und trotz der vielen Schreckmomente, die blitzartige Visionen von Krankenwagen und Spital aufscheinen liessen, liess ich sie immer machen. Meine mittlerweile zu Teenies gewachsenen Kinder klettern in meiner Anwesenheit nur noch selten.

Dennoch ist es immer noch dasselbe Prinzip: Man lässt sie machen. Versucht es mit Hilfestellungen, auch wenn es mittlerweile einiges komplizierter geworden ist. Denn es ist nun mal schwierig, vom Kind zum Jugendlichen heranzuwachsen und sich plötzlich mit so vielen Problemen herumschlagen zu müssen.

Das ist der Preis der Freiheit, aber wie will man das jemandem erklären, der es nicht erfahren hat? Also hält man das Sprungtuch immer griffbereit. Es ist zwar einfacher, ein dreijähriges Kind im freien Fall von einem Klettergerüst zu fangen als einen Heranwachsenden – aber auch die straucheln leider ab und zu noch. Und sie wissen hoffentlich auch, dass immer jemand da ist, der sich unter sie werfen wird.

Michèle Binswanger
Die studierte Philosophin ist Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel.

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