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Familienleben

Unter die Haut – Protokoll eines Alptraums

Eine Teekanne zerplatzt, kochend heisses Wasser ergiesst sich über den einjährigen Nelson. Der Bub wird mit schweren Brandverletzungen in die Klinik eingeliefert. «Seit diesem Moment ist nichts mehr, wie es war», sagt seine Mutter. Hier erzählt sie Nelsons Geschichte.
Text: Sophie-Theres Guggenberger 
Bilder: privat
Das war einer dieser Momente, dieser kurze Augenblick, ein Wimpernschlag, der ein Leben komplett verändert. In eine andere Richtung lenkt. Grosse Ereignisse, positive wie negative, kündigen sich niemals lange zuvor an. Sie passieren. Von jetzt auf gleich. Es geschah kurz vor Weihnachten, am 17. Dezember 2016. Die engste Familie war schon angereist und freute sich, endlich wieder beisammen zu sein und mit dem jungen Nachwuchs gemeinsam Zeit zu verbringen. Draussen wurde gegrillt, drinnen geplaudert, gespielt – und Tee gekocht. Alles ganz normal, wie schon unzählige Male zuvor auch. Der Wasserkocher brodelte und der Tee wurde frisch aufgegossen. Plötzlich platzte die Teekaraffe und zersprang in zwei Teile. 
17. Dezember 2016, am Tag des Unfalls: Nelson in der Klinik.
17. Dezember 2016, am Tag des Unfalls: Nelson in der Klinik.
Das kochend heisse Wasser sprudelte wie ein Wasserfall aus dem Gefäss und ergoss sich auf den Boden. Schon winzige Tröpfchen verursachten unangenehme Schmerzen. Ich springe instinktiv zur Seite und erblicke dabei im Augenwinkel meinen kleinen Sohn Nelson, gerade ein Jahr alt geworden. Er steht da auf dem Fussboden, regungslos. Um ihn herum eine Pfütze. Ehe ich registriere, was da gerade passiert ist, nehme ich ihn sofort hoch auf den Arm. Und erst als er sich mit der Hand Hals und Gesicht reibt, lässt sich erahnen, was hier gerade geschehen ist. Die Haut reibt sich ab wie weiche Butter. Das rohe, helle Fleisch wird sichtbar. Sofort wird die durchnässte Kleidung ausgezogen und mit Wasser gekühlt. Parallel der Notruf gewählt. 

Ist alles nur ein fürchterlicher Traum? 

Notärzte und Rettungswagen treffen innerhalb weniger Minuten ein, versorgen die grossflächigen Verbrennungen und bereiten alles für den Abtransport ins nahegelegene Unfallklinikum Berlin (UKB) vor, eine der besten und fortschrittlichsten Kliniken in Europa bei schweren Brandverletzungen. Die Fahrt im Rettungswagen scheint endlos. Draussen ist es dunkel, die Landschaft, die Bäume und Häuser ziehen an einem vorbei. Was ist hier gerade passiert? Und wie konnte das geschehen? Oder ist alles nur ein fürchterlicher Traum? Der Blick senkt sich wieder zum eigenen Kind, das da neben einem auf der Trage liegt. Mit geschlossenen Augen, an Schläuchen festgemacht, eingehüllt in Decken und eine goldgelbe Wärmefolie. Nelson bekommt von all dem nichts mehr mit. Die Schmerzmittel fliessen in seine Venen. Die Versorgung in der Unfallklinik dauert und dauert. 
«Sofort nehme ich Nelson auf den Arm. Seine Haut reibt sich ab wie weiche Butter. Das rohe, helle Fleisch wird sichtbar. Ich wähle den Notruf.»
Minuten kommen mir vor wie Stunden. Nelson müssen wir mit den Ärzten alleine lassen – sicher auch zu unserem eigenen Schutz. Nach rund zwei Stunden hat das Warten ein Ende, Nelson wird mir schlafend in die Arme gelegt, regungslos wie eine Mumie liegt er da. An die ersten Nächte erinnere ich mich heute kaum noch. Sie waren schlaflos, das ist das Einzige, was ich noch weiss. Wir standen unter Schock. Dachten und lebten nur vom einen Moment zum nächsten. Von einem Verbandswechsel unter Narkose bis zum nächsten. Schritt für Schritt. Weiter kommt man nicht zum Nachdenken. Anfangs konnte uns noch niemand genau sagen, wie es weitergeht. All die quälenden Fragen blieben zunächst unbeantwortet. In einer solchen Schwebephase ist die sofortige psychologische und seelsorgerische Unterstützung sehr wichtig. Als betroffene Eltern hat man jetzt zahlreiche Fragen. Ein persönliches Gespräch hilft, über Sorgen und Ängste zu reden, Trost zu finden, neuen Mut zu fassen und erste Ungewissheiten zu klären. 
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1 Kommentar
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Von Johanna am 11.04.2018 12:48

Das geschriebene erzählt auch unsere Geschichte...eins zu eins...Danke!

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